Konfirmation 2020 – Startschuss für eine neue Lebensphase

Mit ihrer Konfirmation in der Stadtkirche erlebten vier junge Diessenhofer den Start in einen neuen, anspruchsvollen Lebensabschnitt. Der Ersatztermin am letzten Septembersonntag war nötig geworden, weil die Anfang Juni geplante Feier coronabedingt ausfallen musste. Umso herzlicher begrüsste nun Jael Mascherin, Präsidentin der Kirchgemeinde, die jungen Freundinnen und Freunde: Mit der Konfirmation komme der Weg, der in der Taufe angefangen und im Religionsunterricht seine Fortsetzung gefunden habe, an sein Ziel. Wie Frau Mascherin weiter ausführte, markiert dieses Fest zugleich den Einstieg und Übergang in das Leben als Erwachsene, verbunden mit der vollwertigen Mitgliedschaft in der reformierten Kirchgemeinde.

Taufsprüche

Pfarrer Gottfried Spieth zog in seiner Predigt ebenfalls eine Linie von der Konfirmation zurück zur Taufe. Der damalige Tauftag sei ein besonderer, ja heiliger Tag gewesen, herausgehoben aus der Masse der sonstigen Tage und Jahre. Dem aussergewöhnlichen Anspruch der Taufe trage der sinnstiftende Taufspruch Rechnung. Pfarrer Spieth rief die Themen jener vier Verse in Erinnerung, die die Eltern vor rund 15 Jahren für ihre Sprösslinge ausgesucht hatten: Gotteskraft und Engelschutz auf dem Weg in eine neue Zeit (Psalm 91,11 und 121,8), Klarheit der Augen und heile Erscheinung der Person (Matthäus 6,22), „himmelweite“ Güte und „wolkenweite“ Wahrheit (Psalm 36,6).

Konfirmandenverse

Die inhaltliche Linie der Taufverse hat sich laut Pfarrer Spieth weiterentwickelt in den Konfirmandensprüchen. Diese hatten die jungen Leute im Vorfeld selber ausgesucht. Sie erläuterten sie nun mit Hilfe von Bildbetrachtungen. Dabei ging es um Ängste und ihre Überwindung (Römer 12,21). Sodann um Mauern, die mit Gottes Hilfe übersprungen werden können (Psalm 18,30). Und schliesslich ging es um eine grenzenlose Liebe. Sie helfe uns, allfällige Schwächen und Zweifel zu überwinden durch ein gemeinsames Handeln (1. Korinther 16,14 und 2. Timotheus 1,7).

Die vier jungen Menschen kommentierten ihre Konfirmandenverse folgendermassen: „In meinen Augen ist wie das Universum auch die Liebe und Gott endlos,“ führte Leonie Lüders aus. Gott bestrahle uns mit seiner Liebe „genauso wie die Sonne den Mond mit Licht bestrahlt, an hellen wie auch an dunklen Tagen.“ Alessia Brütsch legte besonderen Wert auf die Gemeinschaft in Familie und Freundeskreis, mit deren Hilfe man praktisch „alles erreichen“ könne. Natürlich sei auch jeder einzelne gefragt: „Wenn ich meine Stärken nutze und nicht wegen meinen Schwächen zweifle, wird mir alles viel leichter fallen,“ betonte sie. Manuel Rütimann verstärkte diesen Gedanken auf mutmachende und motivierende Weise. Er forderte dazu auf, „dass man nicht vor seinen Ängsten wegrennen, sondern sie überwinden soll, auch wenn es schwierig ist.“ Timo Reutimann ging näher auf diese Hindernisse ein, die urplötzlich auftauchen. Er gab den Rat: „Die Mauer kann noch so hoch sein, aber Gott bringt mich meistens rüber.“ Das gelte auch dann, wenn die Mauer Löcher hat. Dann könne man sich „gleich noch kurz durchschleichen“ oder „Abkürzungen nehmen“, um das Ziel schneller zu erreichen.

Festklänge und Glaubensbeziehung

Die Jugendband unter Leitung von Dan Schmid eroberte die Herzen wie im Flug. Die warm und einfühlsam vorgetragenen Lieder schilderten die Glaubensbeziehung zu Jesus als das natürlichste von der Welt. Die Liedtexte mit ihrer tiefreligiösen Ausstrahlung regten zu einem verinnerlichten Nachdenken an. Die Stadtmusik unter Leitung von Pavel Marcinak hingegen begeisterte mit schmissiger Marschmusik, beschwingten Rhythmen und flotten Melodien. Organistin Annedore steuerte festliche Orgelklänge und eine feinfühlige Klavierbegleitung bei. Damit hob sie den klassischen Charakter des Tages hervor. Messmer Andreas Birrer leistete eine ausgezeichnete Organisationsarbeit bei der Vorbereitung und Durchführung. Und die Konfirmanden richteten abschliessend an ihre Eltern, Paten und Grosseltern einen herzlichen Dank für die treue Wegbegleitung.

Im Anschluss an den Gottesdienst verblieb die Festgemeinde im Kirchenschiff. Weil es im Freien recht kalt war, wurden der auf dem Kirchhof geplante Apero sowie das Platzkonzert der Stadtmusik in das Innere verlegt. Hier klangen die Töne noch brillanter und der Apéro schmeckte womöglich noch besser als sonst. In gelöster Stimmung klang die Konfirmationsfeier in der Stadtkirche aus.

Chileblatt Oktober 2020

Das neue Chileblatt ist da.

Lesen Sie in der Oktober-Ausgabe…

  • Ansprache Pfarrer Gottfried Spieth
  • Mithelfer*innen gesucht
  • Gottesdienste, Termine & Aktivitäten
  • Gratulationen
  • Freud und Leid in der Gemeinde
  • Weihnachtsspiel 2020
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Ausflug nach Berlin

Berlin – Woodstock und zurück

Von Pfarrer Gottfried Spieth

„Frieden … Liebe …“ Wie Donnerhall braust es um die Berliner Siegessäule. Ich komme mir vor, als sei ich auf einer Zeitreise nach Woodstock. „Freiheit … Anstand … Mündigkeit …“ Blumenbekränzte Frauen und muskelbepackte Männer rufen diese Schlüsselworte in den blauen Berliner Himmel hinaus. Alle Altersgruppen sind beteiligt. Tanzend bewegen sie sich zum Trommelwirbel. Ein wogendes Meer aus Klängen und Rhythmen ist das. Kinder spielen auf dem Rasen. Sogar Schulkinder aus der Schweiz haben ihren Auftritt auf der Bühne: Sie loben den maskenfreien Unterricht, den sie in ihrer Heimat geniessen dürfen.

Jugendliche lassen Luftballons in Herzform aufsteigen. Seniorinnen und Senioren zeigen sich in den Farben des Regenbogens. Sind das die geläuterten 68er, umwoben von Lebensweisheiten und philosophischen Einsichten? Sie haben dieses gewinnende, einladende Lächeln auf dem Gesicht. Dem kann ich nicht widerstehen. Zu entschlossen und unverdrossen, zu rein und heiter sind diese lieben Leute, als dass ich sie übersehen könnte oder missachten dürfte.

Energisch kämpfen die Redner für unveräusserliche Grundrechte. Diese dürften durch den Infektionsschutz nicht aufgehoben werden, fordern sie. Von einem Notstand, der eine solche Einschränkung rechtfertigen würde, wollen sie nichts wissen. Stattdessen proklamieren sie: „Menschenwürde bricht Maskenpflicht“, „kein Zweck heiligt die Mittel“, „Impfpflicht ist Körperverletzung“, „lieber erschiessen lassen, als sich zum Impfen zwingen lassen“.

Sind das nur Worte, die sie ausrufen an diesem letzten Samstag im August? Oder ist es eine Botschaft? Weil Wahrheit, Glaube und Hoffnung dahinterstecken? Und wenn es wirklich ernst gemeint ist – worin besteht dann die Probe aufs Exempel? Also dann, wenn es brenzlig wird?

Zum wiederholten Mal will die Polizei die Grossversammlung auflösen. Der Grund: Angeblich werden die Abstandsregeln nicht eingehalten. Die Nerven sind zum Zerreissen gespannt, als der dunkelhäutige Kölner Rapper Nana – er hat eben noch schwungvoll auf dem Podium moderiert und zum Protest gegen Rassismus aufgerufen – in Handschellen abgeführt wird.

Das geschieht anlässlich einer Nachversammlung am Sonntag. Einzelne Unterstützer machen Anstalten, mit ihren Fäusten dagegen zu halten. Doch dann, neben Buhrufen und einem gellenden Pfeifkonzert, erschallt aus Tausenden von Kehlen der Ruf: „Angst macht krank … Keine Gewalt …“ Und dann wird noch eins draufgesetzt. Die Polizisten werden zum friedlichen Überlaufen aufgefordert: „Kommt zu uns!“

Ist das nicht wie Musik in den Ohren? Zeitlose Tugenden der Bergpredigt werden zum Leitmotiv einer riesengrossen Schar von Widerstandsleuten erkoren. Diese Parolen kommen von Herzen. Sind sie nicht unvergleichlich wärmer und glutvoller als die formelhaft gestanzten Worthülsen mancher Politiker? Die preisen die EU als die beste aller möglichen Welten, beschwören die Unverzichtbarkeit der NATO. Hier an der Siegessäule aber ist etwas Größeres als die westliche Wertegemeinschaft zu erleben. Hier geht es um die Menschheit. Hier keimt die zarte Hoffnung auf, dass die Verdunkelung der Vernunft bald ein Ende hat. Leuchtet nicht schon ein neues Licht der Aufklärung? Diesmal allerdings nicht von Westen, sondern von Osten.

Die Lautstärke im weiten Rund und aus den umliegenden Strassen schwillt an, bis daraus ein Orkan wird. Doch urplötzlich tritt gesammelte Stille ein. Meditation ist angesagt. Eine feierliche Spannung überall. Schilder mit Porträts von Mahatma Gandhi werden wie bei einer Prozession umhergetragen. Wie eine Verbrüderung zwischen Asien und Europa kommt mir das vor. Und aus Weimar grüsst der Dichterfürst Goethe mit seinem west-östlichen Diwan.

Auf der Berliner Versammlung ist den ganzen Tag lang kein einziges Wort zu hören, das sich gegen den Islam richtet. Stattdessen setzen sich zwei freikirchliche Prediger umso lautstärker für Versöhnung ein. Sie sind Feuer und Flamme für die Bewegung des Friedens. Sie rufen Jesus Christus als Erlöser und Befreier der Völker an. Langsam beten sie mit der Menge das Vaterunser. Es ist überwältigend kraftvoll und schön.

Man muss nicht an die komplizierten Corona- oder Impftheorien der Protestleute glauben, um mit ihnen zu feiern, zu beten, zu tanzen. Und das Beste: Man muss gar nicht viel schaffen und machen. Sondern wird ganz einfach getragen von dieser Strömung der Liebe und der Kraft.

Im Heerlager der Querdenker

Das beinahe grenzenlose Wohlwollen der Corona-711-Querdenker spüren auch viele Nationalisten. Sie suchen ein Dach, wo sie unterschlüpfen können. In der Berliner Versammlung meinen sie, fündig geworden zu sein. Aber passen sie wirklich hierher? Gibt es einen Schlüsselbegriff, in dem sich deutschnationale und gesundheitspolitische Querköpfe treffen – trotz aller weltanschaulichen Gegensätze? Wie lautet der gemeinsame Nenner?

Das ist der Friede. Und zwar nicht nur zwischen Personen, sondern auch zwischen Völkern. Nach dem zweiten Weltkrieg sei kein Friedensvertrag zwischen den verfeindeten Kriegsparteien zustande gekommen. Sondern nur eine Kapitulation samt nachfolgender provisorischer Gründung zweier Nachfolgestaaten des deutschen Reiches. Trotz deren Vereinigung sei eine schmerzliche Lücke geblieben. Um sie zu schliessen, müsse jener Vertrag jetzt endlich nachgeholt werden. Geschehe das, könnten Gestaltungsformen des ursprünglichen Reiches wieder in Kraft gesetzt werden. So lautet die Hoffnung dieser vaterländischen Menschen.

In den Präsidenten Trump und Putin sehen sie heimliche Verbündete ihrer Erwartungen. Besonders zu Russland soll es in Zukunft wieder ebenso herzliche Beziehungen geben, wie es zu Bismarcks Zeiten der Fall war. Der russische Bär und der preussische Wolf seien sowieso natürliche Verbündete. In Hoffnung darauf schwenken diese Patrioten fleissig die schwarz-weiss-rote Flagge des zweiten deutschen Kaiserreichs. Soweit ich es beobachten kann, bilden sie eine wohlgelittene Teilmenge der Versammlung, prägen ihr aber nicht den Stempel auf.

Denn die Gemeinschaft, die sich unter der Siegessäule versammelt hat, ist denkbar gross. Sie überschreitet fast alle Grenzen. Unzählige deutsche, russische, schwedische, daneben schweizerische, österreichische, niederländische, italienische, israelische und nicht zuletzt US-amerikanische Flaggen erzeugen ein fesselnd farbenfrohes Bild in der goldenen spätsommerlichen Sonne. Ich komme aus dem Staunen nicht heraus. Es ist wie in einem brandneuen Abenteuerfilm, der uralte Mythen wahr werden lässt und sie einbaut in ein tragfähiges Modell der Zukunft.

Ist das der entscheidende Kick, um endlich auszusteigen aus bürgerlicher Engherzigkeit und Kleinkariertheit? Sollte ich nicht den Versuch wagen, es den Demonstranten gleichzutun? So dass wir uns zusammen freischwimmen? Obwohl es vermutlich nur ein Stück weit gelingt: Wann endlich beginnen wir ein gemeinsames Training als Mutschwimmer gegen den Strom? Der ideelle Nutzen dürfte weitaus grösser sein als der mögliche Schaden, den die eigene Position in der Gesellschaft erleiden könnte. Und wer weiss? Womöglich wird aus dem Berliner Stückwerk bald etwas Rundes und Ganzes …

Was unter der Siegessäule so vielfältig und schöpferisch abläuft, hat das Zeug zu einem grossen Wurf. Was hier abgeht, ist das Gegenteil jener staatlich verordneten Rahmenerzählungen, die landauf landab verbreitet werde und gähnende Langeweile erzeugen. Hier unter der Siegessäule fühlt man sich frei von jenem hochmoralischen Druck, den die Oberlehrer der Zivilgesellschaft aufbauen mit sauertöpfischer Miene. Hier ist man unbeeinflusst von jenen Stichwortgebern in Presse, Funk und Fernsehen, die mit ihren Phrasen bloß noch nerven. Was hier geschieht, ist unabhängig von den offiziellen Gesundheitsaposteln, die päpstlicher reden als der Papst.

Hier schweisst ein inniger, liebevoller Zusammenhalt die Truppe zusammen. Hier herrscht ein naturwüchsiges Gemeinschaftsgefühl, das geradezu dem Zeitalter von Romantik und Wandervogel entsprungen sein könnte. Diese Solidarität ist energiereicher, wärmer und dichter als die der bundesdeutschen Mehrheitsgesellschaft, die durch ein formalistisches, mitunter künstlich aufgebauschtes Regelwerk erzeugt wird.

Entfremdung

Als wohlwollend neutraler Beobachter tauche ich am 29. und 30. August in die gemeinschaftliche Aura derer ein, die die Welt durch ihr geschärftes Brennglas anschauen. Dass aus diesem Blickwinkel eigenwillige oder einseitige Weltanschauungen entstehen, weiss ich. Nicht ohne Grund wird Corona-Leugnern vorgeworfen, in einer geschlossenen Filterblase zu sitzen. Noch schwerer wiegt der Vorwurf, sie benähmen sich wie eine Sekte.

Sollte dem so sein – ist es dann der Mühe wert gewesen, dass ich extra wegen dieser Versammlung die Reise von Schaffhausen auf mich genommen habe? Zweifel steigen in mir auf. Etliche Bedenkenträger laufen mir über den Weg. Was sie sagen, ist nicht gerade dazu angetan, meine Zweifel zu zerstreuen. Was mich aber zunehmend nervt, ist ihre Selbstgefälligkeit. Im Brustton des Besserwissers tun sie die Berliner Demo als schwärmerisch, rechtslastig, faschistisch ab. Geprägt von den Sprach- und Denkmustern staatsnaher Medien, malen sie die Versammlung in den schwärzesten Farben. Ihre Befürchtungen wirken angstmachend und einschüchternd.

Und das stört mich dann doch sehr. Da stehen mir die Demonstranten trotz ihrer teils skurrilen Ansichten menschlich einfach näher. Sie schildern mir eindringlich die Schikanen und inneren Verletzungen, die sie zu ertragen haben. Bestenfalls würden sie bemitleidet, meist geschnitten, oft sogar verachtet: „Igitt, was für verantwortungslose, unbelehrbare Leute seid ihr doch!“ Und das sei noch harmlos gegenüber dem, was sie sonst zu hören bekämen. Selbst der Berliner Innensenator habe sich nicht beherrschen können und sie mit Schimpfworten bedacht.

Aus verbalen Entgleisungen folgt eine Entfremdung, die sich scheinbar unaufhörlich steigert. Sie beruht auf Gegenseitigkeit. Bei der gesellschaftlichen Mehrheit wächst das moralische Überlegenheitsgefühl fast bis ins Unendliche, zumal man die ganze Staats- und Medienmacht auf der eigenen Seite wähnt. Was aber geschieht auf der anderen Seite? Die Leute zweifeln und verzweifeln an unserer Demokratie, an die sie früher glaubten – und von der sie dann bitter enttäuscht wurden. In ihnen frisst sich ein tiefes Misstrauen fest. Es richtet sich gegen das selbstzufriedene, staatstreue Bürgertum, das die Machenschaften seiner eigenen Eliten nicht durchschaut – oder absichtlich übersieht.

Für umso wachsamer halten sich die Demonstranten. Ihr gefühlter Märtyrerstatus lässt sie innerlich erstarken. Aus ihrem Leidensdruck entsteht ein Opfermythos. Sie schliessen ihre Reihen im Geist von Widerstand und Erneuerung.

Neubeginn mit Schmerzen

Die Demonstranten führen ständig die Grundrechtsartikel aus dem Grundgesetz im Munde. Zugleich wollen sie nach Artikel 146 eben dieses Grundgesetzes handeln, und das heisst: Eine neue, nun wirklich gesamtdeutsche und zukunftsweisende Verfassung möge entstehen. Zu diesem Zweck soll umgehend eine verfassungsgebende Versammlung einberufen werden.

Einige Heißsporne wollen nicht aus Berlin weichen, bis Schritte in diese Richtung eingeleitet sind. Sie kündigen ein Dauercamp im Berliner Tiergarten an. Auf der Tribüne schlagen die Redner revolutionäre, antikapitalistische Töne an: Das neue Deutschland soll auf genossenschaftlicher Grundlage aus der Taufe gehoben werden, nachdem die Macht der Grosskonzerne gebrochen ist.

Man könnte die Gegenfrage stellen: Was soll das Ganze? Ist euch das derzeitige Deutschland nicht gut genug? Oder habt ihr wirklich eine Schwachstelle oder Sollbruchstelle im Gefüge der BRD erkannt, die so schlimm ist, dass sie nur durch einen Neustart behoben werden kann? Oder seid ihr einfach unzufrieden mit dem derzeitigen Personal an der Spitze des Staatswesens?

Jedenfalls wird heftig ausgeteilt gegen das „Regime“. Die als Schreckensgestalt unsichtbar allgegenwärtige Frau Bundeskanzlerin würden sie am liebsten durch sofortige Neuwahlen stürzen. „Merkel muss weg.“ Aus Zehntausenden von Kehlen erschallt dieser Ruf, der sich durch ein kilometerlanges Echo geradezu unheimlich verschärft.

Es ist der wuchtigste und heftigste Gefühlsausbruch, den ich an diesem Nachmittag mit Erstaunen und Erschauern wahrnehme. Ich habe keine verstandesmässige Erklärung dafür. Ich kann nur erahnen, woran das liegen könnte: Es kommt mir vor, als entsteige den Urtiefen des Volkes ein Geist der Gemeinschaft, der die Massen eint und ihnen ein Feindbild zur Verfügung stellt, an dem sie ihre Energien abarbeiten können. Und offenbar geschieht dieser Energieausbruch mit innerer Notwendigkeit. Kollektive Gefühle sind ein legitimer Teil unserer Wirklichkeit. Sie sollten nicht von vornherein dämonisiert werden. Die Wächter der political correctness mögen noch so viele Belehrungen an die Leute richten – es wird nichts nützen. Das macht deren Wut nur noch grösser.

Höhepunkte

Wie viele sind überhaupt zusammengekommen? Die Behörden beziffern ihre Zahl auf 38 000. Das werden diejenigen sein, die direkt an der Siegessäule und in den angrenzenden breiten Strassen versammelt sind. Das ist der harte Kern. Das ist die Stammkundschaft.

Die Organisatoren der Versammlung gehen jedoch von sehr viel höheren Zahlen aus. Sie beziehen die Laufkundschaft mit ein. Also Sympathisanten und sonst wie Interessierten bis hin zu neugierigen Passanten auf allen jenen Plätzen und Strassen im Zentrum Berlins, wo Stände oder Podien aufgebaut sind. Angemeldet sind eine Vielzahl ähnlich ausgerichteter Veranstaltungen. Auf diese Weise kommt die Schätzung zustande, dass mehrere Hunderttausend Menschen mit von der Partie sind als Unterstützer, Zaungäste, Beobachter.

Die schiere Menge der Teilnehmer und die eindrucksvollen Auftritte der Redner – allen voran der Umweltaktivist Robert F. Kennedy Jr., Neffe des legendären US-Präsidenten – hat etwas Grossartiges und Sympathisches an sich. Als Kennedy die berühmten Worte seines Onkels wiederholt: „Ich bin ein Berliner“, kennt die Begeisterung keine Grenzen. Hier und heute formiert sich eine Großgruppe von beeindruckender Zahl, Kraft und Selbstbewusstsein. Hier und heute ist eine „kritische Masse“ am Entstehen, und wir sind Zeugen davon!

Wie wirkt das auf der anderen Seite? Was ist mit der Antifa? Tritt sie in nennenswerter Zahl auf? Dort, wo sie das tut, kann sie das Gesamtbild nicht prägen. Und was ist bloß los mit der für Berlin typischen Linken bis linksliberalen Meinungsherrschaft? Sie wird durchbrochen. Oder zumindest unterbrochen. Die gefühlte Herrschaftsstellung des modernen Zeitgeistes – sie wirkt an diesem Wochenende wie angekratzt.

Wo bleiben sie, die Kräfte der kühlen Vernunft? Gewerkschaften, Parteien, Kirchen und andere zivilgesellschaftlichen Mitspieler, die sonst bei jeder Gelegenheit ein Bündnis gegen die Feinde der Demokratie schmieden – haben sie an diesem Wochenende Urlaub genommen? Durch ihre gefühlte Abwesenheit geben sie ein Vakuum frei, in das die Protestierer vorstossen. Ausgehend von der Siegessäule und vom Brandenburger Tor prägen sie das Stadtleben. Jedenfalls am Samstagnachmittag verschaffen sich die alternativen Kräfte einen ausgezeichneten Platz an der Berliner Sonne.

Tiefpunkte

Damit fangen die Probleme aber erst so richtig an. Am Samstagabend scheint Berlin für einen kurzen Augenblick in den Bann finsterer Mächte zu geraten. Es handelt sich um eine Aktion auf den Treppen des Reichstages. Die ist auch innerhalb der Protestbewegung hoch umstritten. Wie hat es dazu kommen können?

Die Sicherheitsleute sind einen Wimpernschlag lang unaufmerksam. Kurzzeitig verbleiben nur drei Polizisten am Eingang des Parlaments, während sich ihre Kolleginnen und Kollegen entfernteren Aufgaben zuwenden. Das wirkt wie eine Einladung an etwa 400 buntgemischte Demonstranten, die sich auf Vorplatz aufhalten.

Sie lassen sich zusätzlich anlocken von den Sirenenklängen einer Heilpraktikerin, die sich anscheinend zuvor schon medienwirksam auf der Treppe positionieren konnte. Sie ruft zu einer friedlichen Hausbesetzung auf. Sie tut das mit der seltsamen Begründung, US-Präsident Trump sei in Berlin gelandet, und das sei ein Signal zum Aufbruch.

So schräg das klingt, so wirksam ist es. Viele fallen darauf herein, durchbrechen die Absperrgitter und tummeln sich nach Herzenslust auf der Freitreppe des berühmten Gebäudes. Sie freuen sich über ihre fahnengeschmückte Präsenz am geschichtsträchtigen Ort. Immerhin stammt das Gebäude aus der späten Kaiserzeit. Ihre Freude ist von kurzer Dauer. Rasch eilt polizeiliche Verstärkung herbei und macht dem Spuk ein Ende.

Ab Samstagabend stehen dann Bilder und Texte über einen in letzter Sekunde verhinderten „Sturm auf den Reichstag“ an vorderster Stelle in den Medien. Was folgt daraus? Ein Umschwung zu Lasten der Protestbewegung. Der friedliche Flower-Power-Eindruck vom Nachmittag ist wie ausgelöscht. Stattdessen wird die Gefahr eines brandgefährlichen Faschismus an die Wand gemalt, der wieder einmal vor den Toren Berlins stehe. Nicht nur ich frage mich: Sind das genau die Bilder, die man „brauchte“? Und zwar deshalb, um die gesamte Protestbewegung in ein schiefes Licht zu rücken? Diese Frage bleibt offen. Ebenso unbeantwortet bleibt die Frage, ob die zeitweise Abwesenheit der Sicherheitskräfte spontan erfolgte – oder vielleicht taktisch motiviert war?

Übrigens, am späten Abend treffe ich einige der verhinderten Reichstagsstürmer zufällig in einem Freiluftcafé auf der Prachtstrasse Unter den Linden. Sie berichten kleinlaut von jener Heilpraktikerin, der sie mit Hurra gefolgt seien. Diese Frau sei eigentlich eine von ihnen, inzwischen sei sie  aber „umgedreht“ worden. Das tumultöse Treiben der Unruhestifter auf der Reichstagstreppe bekommt durch diese Aussage einen noch seltsameren Beigeschmack.

Zu allem Unglück hin hatten die Treppenbesetzer ja die eine oder andere Fahne des Kaiserreichs mitgeführt – wobei daneben auch türkische und usbekische Flaggen auf den Treppen des ehrwürdigen Hauses gesichtet wurden. Was den Nebel, der über dem ganzen Geschehen wabert, zusätzlich vermehrt.

Zwei Gegenspieler

Eine flotte und zugleich nebulöse Mischung ist das also an diesem Berliner Wochenende. Das Ganze fängt locker und flockig an und endet in einem Tumult. Sind das alles zufällige, spontane Ereignisse? Zunächst wirken sie frisch, fromm, fröhlich und frei. Stellenweise auch naiv und unbeholfen. Einige beobachtete Merkwürdigkeiten lassen den Schluss zu, dass zu guter Letzt auch Schlapphüte ihre Finger mit im Spiel gehabt haben könnten.

Wie geht es weiter? Keiner weiss, in welche Richtung die Entwicklung geht. Das nächste Treffen ist für den Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober in Konstanz geplant. Im esoterisch aufgeladenen Bodenseeraum könnten die alternativen Kräfte weiter erstarken. Schon jetzt ist erstaunlich, in welch kurzer Zeit es dem Stuttgarter Unternehmer Michael Ballweg gelungen ist, eine so grosse Zahl Gleichgesinnter um seine Querdenker-711-Bewegung zu scharen.

Durchaus möglich oder sogar wahrscheinlich ist, dass sich die staatstragende Zivilgesellschaft von dem Schlag erholt, den sie an dem Berliner Wochenende verpasst bekam. Und zwar ziemlich rasch. Sie hat ja einen unerschütterlichen Standortvorteil: Seit Gründung der Bundesrepublik 1949 hatten ihre Vertreter eine halbe Ewigkeit lang Zeit, sich in buchstäblich jeder westdeutschen Stadt und Region, die sich dafür offen zeigte, zu entfalten und breitzumachen.

Und das taten sie mit ziemlichem Erfolg. Sie haben es geschafft, die Deutungshoheit in fast allen gesellschaftlich relevanten Debatten zu erringen. Darum könnten sie sogar gestärkt aus der Corona-Krise hervorgehen. Mit der Folge, dass sie nun auch in jenen weiten Räumen der neuen Bundesländer Fuß fassen, wo bislang noch anders ausgerichtete Kräfte das Sagen haben.

Dank ihres Bildungsvorsprungs und ihrer finanziellen Möglichkeiten werden die zivilgesellschaftlichen Akteure und Gruppen ihre sozio-kulturelle Hegemonie umso stärker ausbauen, je plumper und unprofessioneller ihre Gegenspieler vorgehen. Diese kommen wegen ihres naturwüchsigen Enthusiasmus und naiven Optimismus womöglich kaum über ihre derzeitige Improvisationsstufe hinaus.

Ganz anders die Polizei. Sie wird künftig noch professioneller auftreten. Das schlaueste Fortbildungsmaterial und die bestmögliche Ausrüstung werden ihr zur Verfügung gestellt. Hinzu kommt eine noch engere Verzahnung mit den Diensten. Das ist ein geballter Machtzuwachs für die Sicherheitsorgane. Wer wird ihren strategischen Zielvorgaben und taktischen Finessen künftig gewachsen sein? Schon jetzt vermögen sie es durch ausgeklügelte Methoden, die am Rande der Legalität angesiedelt sind, ihre Gegenspieler alt aussehen zu lassen. Zunächst wird ein wenig Zuckerbrot verteilt und dann mit der Peitsche umso härter zugeschlagen.

Rückblick

Dazu ein Beleg vom Berliner Wochenende: Zunächst wird ja durch höchstrichterlichen Bescheid die gesamte Querdenker-Demo genehmigt. Die Auflagen, die die Richter festlegen, werden allerdings von der polizeilichen Einsatzleitung so engmaschig ausgelegt und durchgezogen, dass der grundsätzlich erlaubte Umzug vom Brandenburger Tor zur Siegessäule erst gar nicht in die Gänge kommt. Die Absicht ist klar: Die zentrale Veranstaltung soll nicht noch dadurch aufgewertet werden, dass sich ein kilometerlanger Umzug auf die Siegessäule zubewegt im Triumph.

Und worin bestehen die Verhinderungs-Massnahmen im Einzelnen? Als sich die Leute in den Bereichen Friedrichsstrasse, Wilhelmstrasse und Unter den Linden zum Abmarsch formieren wollen, sehen sie sich plötzlich von Absperrgittern eingezäunt. Auch kleinere Nebenstrassen sind verriegelt. Die Menschen sind von allen Seiten eingekesselt und auf engem Raum zusammengepfercht. Sie können gar nicht den gesetzlich geforderten Mindestabstand von anderthalb Metern einhalten. Und dieses Vergehen – das durch die enge Absperrung geradezu provoziert wurde – wird von den Sicherheitskräften zum Anlass genommen, schliesslich den ganzen Umzug abzusagen. Mehrere Lastwagen, die mit Lautsprechern und einem bunten Unterhaltungsprogramm den Zug begleiten sollten, werden ebenso blockiert. Den Umzugsteilnehmern bleibt nichts anderes übrig, als sich zu zerstreuen. Auf verwinkelten Schleichwegen gelangen sie endlich doch noch in die Nähe der zentralen Kundgebung an der Siegessäule. Diese kann erst mit zweistündiger Verspätung beginnen.

Das sind also die höchst effektiven Spielchen der Behörden und ihrer Vollzugsorgane. Sie sitzen am längeren Hebel. Auf der Ebene der Exekutive nutzen sie ihre Machtstellung konsequent, zumal weit und breit kein Gericht sie an der handfesten Umsetzung ihrer Vorhaben hindert.

Sollte sich diese Tendenz künftig verstärken, würden staatsferne Protestbewegungen noch mehr als bisher ins Abseits – oder sogar in den Untergrund – gedrängt. Sie stehen erst am Anfang ihrer Entwicklung. Sie können noch gar nicht jenes Maß an Professionalität erreicht haben, das es braucht, um sich auf Augenhöhe zu präsentieren.

Ausblick

Trotz aller Merkwürdigkeiten, die an diesem Wochenende passieren, wird doch ein klein wenig Geschichte geschrieben. Alle, die dabei waren, können später sagen: Am 29. August hat Berlin, hat Deutschland, hat Europa einen Anstoss bekommen. Oder soll man zutreffender sagen: Es war ein produktiver Rückstoss, der an diesem Tag erfolgte? Es war eine schöpferische Verzögerung, die da ablief? Ja, so ist es: Die Dynamik der Zentralisierung und Globalisierung, die sich im staatlichen und gesellschaftlichen Geschehen der Bundesrepublik spiegelt – sie wurde geblockt. Gehemmt. Ein Stück weit abgebremst.

Ist es verwegen, in diesem Zusammenhang den 2. Thessalonicher Brief des Apostels Paulus zu zitieren? In Kapitel 2,5-7 ist die Rede von einer Kraft, die den Antichristen aufhält. Ich sage nicht, das gegenwärtige Deutschland sei antichristlich. Aber vielleicht bewegt es sich darauf zu? Und zwar im Zuge der Globalisierung und weltweiten Machtkonzentration. Ein Impf-Chip könnte dazu führen, dass alle Bewohner eines Landes zentral erfasst und kontrolliert werden.

Gegen solche Entwicklungen kämpft die Querdenker-711-Bewegung. Auch wenn sie, anders als ihre Vordenker allzu optimistisch meinen, wohl keine nationale, geschweige denn internationale Trendwende herbeiführen kann – immerhin kann sie zum Sand im Getriebe derer werden, deren höchstes Ziel und Bestreben eben jene Zentralisierung ist.

Auch ein kleiner oder mittelmässiger Beitrag, um den Antichristen aufzuhalten, ist hoch angesehen in der oberen Welt. Der Vater und Schöpfer aller Dinge wird einst auf seine Weise dafür sorgen, dass unser blauer Planet neu geordnet wird. Dies wird geschehen im Zeichen des Kreuzes. In guter Hoffnung auf eine solche Entwicklung plädiere ich für einen entspannten und wohlwollenden Umgang mit Querdenkern und anderen Widerstandskräften, ohne die Mehrheitsgesellschaft ausser Acht zu lassen.

Kreativ-Treff Verkaufsstand

Der Kreativ-Treff der Evangelischen Kirchegemeinde Diessenhofen wird am Samstag, 19. September 2020, von 9.oo-14.oo Uhr seine Strickwaren an einem Stand vor der Thurgauer Kantonalbank verkaufen. Der Erlös geht an „LIO – Licht im Osten“ (Weihnachtspäckli).

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Chileblatt September 2020

Das neue Chileblatt ist da.

Lesen Sie in der August-Ausgabe…

  • Ansprache Pfarrer Gottfried Spieth
  • Einschulungsgottesdienst
  • Gottesdienste, Termine & Aktivitäten
  • Gratulationen
  • Freud und Leid in der Gemeinde
  • Die YouthChurch wächst
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Familiengottesdienst im Zeichen des Propheten Jona

Einsegnung der Erstklässler

Jona der Friedensstifter – unter diesem Motto stand der Diessenhofer Familiengottesdienst in der Stadtkirche am vergangenen Sonntag. Dabei wurden die evangelischen Erstklässler des neuen Schuljahres begrüsst. Im Hinblick auf die schulische Herausforderung, die vor ihnen liegt, wurden sie im Namen des dreieinigen Gottes feierlich gesegnet. Anschliessend bekamen sie als Geschenk der reformierten Kirchgemeinde eine Schultüte überreicht. Die zweite bis vierte Klasse begeisterte die anwesenden Eltern und Grosseltern sowie die ganze Gemeinde mit mehrsprachigen Liedern voller Bewegung und Lebensfreude. Die Zweitklässler brachten mit Hilfe selbstgemalter Plakate ihre guten Wünsche für die Erstklässler zum Ausdruck.

Zweifler und Friedensstifter

Einen besonderen Höhepunkt bot sodann das Schülertheater der dritten Klasse. Unter Leitung von Religionslehrerin Karin Schmid – die auch das Drehbuch geschrieben hatte – führten die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler eindrucksvoll das Schicksal des Propheten Jona vor Augen: Wie dieser schüchterne Zweifler und schiffbrüchige Drückeberger durch einen Fisch gerettet wird. Wie er sich sodann zu einem wagemutigen und wortgewaltigen Prediger entwickelt, der die Volksmassen in den Bann schlägt und die Grossstadt Ninive von Grund auf umkrempelt. Weil er sogar den Stadtkönig als Bundesgenossen gewinnen kann. Beide sind nun von dem einen grossen Ziel beseelt: Dass die streitsüchtigen Einwohner zur Einsicht kommen. Auf Jonas flammende Reden hin ändern die Leute tatsächlich ihre Gesinnung und brechen mit ihrer boshaften Vergangenheit. Dank Gottes Hilfe erleben sie einen neuen Anfang im Zeichen der Versöhnung. So lautete die Botschaft der jungen Darsteller. Mit einem kräftigen Beifall wurden sie für ihre schauspielerische Leistung belohnt.

Ergreife die zweite Chance!

Die Botschaft des Schülertheaters griff Pfarrer Gottfried Spieth in seiner Predigt auf. Die jüngeren wie die älteren Gottesdienstbesucher forderte er auf, eine zweite sich bietende Chance unbedingt zu nutzen, wenn die erste Gelegenheit – aus welchen Gründen auch immer – verpasst wurde. Als Beispiel nannte er den Propheten Jona: Der habe auch zwei Anläufe gebraucht, um zum erfolgreichen Ziel seines Auftrags zu gelangen. Ähnlich sei es im normalen Leben und schulischen Alltag, worin die Erstklässler und anderen Schüler nun voll einbezogen seien. „Gerade nach den Ferien fehlt oft die Lust zum Arbeiten, und wir haben einen Durchhänger“, räumte Pfarrer Spieth ein. „Aber schlussendlich müssen wir begreifen, wie wichtig unsere Bereitschaft ist, einen ganzen Einsatz zu leisten. Gott unterstützt uns dabei.“ Selbst wenn es sich dabei „nur“ um die zweitbeste Gelegenheit handeln sollte, sollten wir sie nutzen und diese Chance beim Schopfe packen. Das gelte auch für unser Zusammenleben. Zunächst falle es uns wahrscheinlich ziemlich schwer, auf Aussenseiter und Gemobbte offen zuzugehen. Aber bei einigermassen gutem Willen aller Beteiligten werde es trotz anfänglicher Misserfolge schliesslich doch gelingen, alle miteinander gleichberechtigt in die Gemeinschaft einzugliedern. „Handeln wir im Zeichen eines neugefundenen Friedens, der von oben kommt“, lautete die abschliessende Empfehlung.

Annedore Neufeld gestaltete ideenreich und schöpferisch das kirchenmusikalische Programm dieses Gottesdienstes, während Andreas Birrer in gewohnter Tatkraft und Umsicht den Messmerdienst versah. Im Anschluss an den Gottesdienst fand ein reichhaltiger Apéro auf dem Vorplatz der Stadtkirche statt. Jung und Alt erlebten an diesem Sonntagmorgen ein abwechslungsreiches Programm. Sie gingen mit dem sicheren Gefühl auseinander, in eine grosse und segensreiche Gemeinschaft des Friedens einbezogen zu sein.  [gs]

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Diessenhofen feiert oekumenische Andacht zum 1. August

Gratulation an die Eidgenossenschaft

Gewissermassen als Ausgleich für die coronabedingt ausgefallene städtische Bundesfeier fand in der Stadtkirche eine oekumenische Abendandacht statt, veranstaltet von der katholischen und der reformierten Kirchgemeinde Diessenhofen. In seiner Begrüssung gratulierte Priester Johannes Mathew der Eidgenossenschaft zu ihrem 729. Geburtstag, bezogen auf das Gründungsjahr 1291. Er forderte „alle freien Schweizer oder in der freien Schweiz wohnenden Menschen“ zu einem Gebet auf, gerichtet an den „einen Gott allen Lebens, der sich in der Schönheit des Vaterlandes erahnen lässt.“

Damit war eine Brücke gebaut zum Schweizerpsalm, dessen vier Strophen die Besucherinnen und Besucher aus vollem Herzen sangen, ebenso wie das Appenzeller Landsgemeindelied. Sodann schlug Johannes Mathew den Bogen zu den Anliegen und Wünschen dieses Tages. In einer speziellen „Fürbitte für Volk und Vaterland“ wurde um gute Gesinnung, Eintracht und Gerechtigkeit gebetet, ebenso um Bewahrung vor Krieg, Seuchen und Hungersnot. Als Vorlage diente eine Gebetsurkunde aus dem Jahre 1965 mit überlieferten Texten, die seit Generationen bewährt und erprobt sind.

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile

Pfarrer Gottfried Spieth ging in seiner Besinnung auf die Frage ein, wie wir unsere unterschiedlichen Bedürfnisse ordnen und bündeln können. Jeder dürfe sich mit seinen Wünschen und Sorgen aufgehoben wissen in einem grösseren Ganzen. Darin seien auch unsere Vorfahren inbegriffen, betonte er. Es sei tröstlich zu wissen, dass wir nicht allein auf der Welt sind, sondern auf den Schultern derer stehen, die uns vorausgegangen sind und deren Lebenserfahrung uns jetzt zugute kommt. Innerlich erfasst von diesem überwältigenden Gefühl der Zusammengehörigkeit, begreifen wir die Wahrheit jenes geflügelten Wortes, das auf den griechischen Gelehrten Aristoteles (384 bis 322 vor Christus) zurückgeht: „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.“

 

Arnold Winkelried als Vorbild

Als anschauliches Beispiel schilderte Gottfried Spieth sodann jenen Eidgenossen aus der Schlacht bei Sempach (1386), der unter dem Namen Arnold Winkelried in die Geschichte eingegangen ist. Er habe sich durch besondere Tapferkeit und Opfermut ausgezeichnet. An vorderster Front stehend, habe er zahlreiche Speere der ihm feindlich gegenüberstehenden Soldaten gepackt, in sich hineingebohrt oder unter sich begraben. Auf der Gegenseite habe sich lähmendes Entsetzen und Verwirrung breit gemacht. Urplötzlich sei eine Gasse entstanden, in der die Eidgenossen vorwärtsstürmten – und zwar durch die gegnerischen Schlachtreihen hindurch. Schlussendlich sei damit der Sieg ermöglicht worden. Die Fremdherrschaft der damals schon europaweit bestens vernetzten Habsburger sei abgeschüttelt worden. Den Eidgenossen sei es gelungen, ihre angestammten Rechte zu sichern und zukunftsfähig zu gestalten – wovon wir heute noch zehren. Um dieses Gemeinschaftsziel zu erreichen, habe es der entschlossenen Tat eines Einzelnen bedurft.

Einsatz für ein hohes Ideal

Winkelrieds letzte Worte seien gewesen: „Sorget für mein Weib und Kind.“ Von dem Gemeinschaftssinn dieses Mannes könnten wir sehr viel lernen für unser heutiges Miteinander in Familie, Gemeinde, Volk und Staat, unterstrich Pfarrer Spieth. Winkelried habe hingebungsvoll für eine heilige und gerechte Sache gekämpft. Damit habe er uns ein Vorbild hinterlassen entsprechend dem Lebensmotto des Apostels Paulus: „Kämpfe den guten Kampf des Glaubens, ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist“ (1. Timotheusbrief 6,12).

Mit festlich bewegter Orgelmusik, dargeboten von Annedore Neufeld, klang das abendliche Geschehen in der Stadtkirche aus.

Chileblatt August 2020

Das neue Chileblatt ist da.

Lesen Sie in der August-Ausgabe…

  • Ansprache Pfarrer Gottfried Spieth
  • Gottesdienste, Termine & Aktivitäten
  • Gratulationen
  • Freud und Leid in der Gemeinde
  • Nachwuchs in der Pfarrfamilie
  • Konzerte: 5x Bach
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5x Bach um 5

5 KONZERTE | 5 TAGE | 5 ORTE | 5 UHR

Schönheit und Freude, Trauer und Zuversicht, Strahlendes und Himmlisches – all das findet sich in den Kantaten Bachs. Lassen Sie sich – nach einer langen Zeit ohne Musik – auf eine erquickende Rheinfahrt mit international erfolgreichen Musiker*innen und Ensembles mitnehmen. Vielfältige Kammermusik, spannende Einführungen und sommerliche Apéros runden die Konzertreihe ab.

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Youth Church wächst

Diessenhofer Jugendkirche wird ausgeweitet

Neue Chancen der Sinnvermittlung

Die Youth Church Diessenhofen ist ein attraktiver Ort: Junge Menschen aus dem Städtli und der Region treffen sich, um Gott zu loben. Ab dem neuen Schuljahr wird das Projekt auf den ganzen Bezirk ausgedehnt.

Wie sind die Ursprünge? Bis nach der Jahrtausendwende war es Brauch, dass sich Jugendliche nach dem Gemeindegottesdienst versammeln. Im Stuhlkreis nahm man Platz, hörte die biblische Unterweisung und sang Lieder, von der Gitarre begleitet. Doch die Zeiten ändern sich. Dank der neuen Medien wird alles vielfältiger und bunter, und die Besucher wollen tatkräftig einbezogen werden. Dies ist eine neue Aufgabe für alle, die Sinn stiften und den Horizont des Lebens erweitern – so auch für die Landeskirchen.

Die Evangelische Kirchgemeinde Diessenhofen stellt sich dieser Herausforderung. Seit vier Jahren investiert sie in einen schöpferisch anspruchsvollen Jugendgottesdienst. Die jungen Leute werden einzeln gefördert, setzen ihre Talente selbstbestimmt ein und feiern Gott auf ihre Art. Und die Arbeit ist gewachsen. Die Fünft- bis Neuntklässler, oft mit Grosseltern, Eltern und interessierten Gemeindemitgliedern, nehmen begeistert an den Jugendanlässen teil. Bis zu hundert und mehr Besucher werden gezählt.

Regionales Gemeinschaftsgefühl

Seit rund zwei Jahren beteiligt sich auch die evangelische Kirchgemeinde Basadingen-Schlattingen-Willisdorf und hat sich sehr gut integriert. Und jetzt kommt die Kirchgemeinde Schlatt dazu. Die Ausweitung bietet enorme Vorteile: Ressourcen werden geteilt, der Glaube wird auf breiterer Grundlage erfahren, die Gemeinschaft der ganzen Region wird erlebt. Denn Jugendliche bewegen sich gern im grösseren Rahmen. Das stärkt ihr Lebensgefühl, zusammen unterwegs zu sein. Genau dafür bietet die Diessenhofer Stadtkirche einen hervorragenden Treffpunkt, zumal sie entsprechende technische Einrichtungen hat.

Pfarrer Gottfried Spieth fördert diese Arbeit. Er will, dass zahlreiche Jugendliche die Botschaft Jesu mit allen Sinnen wahrnehmen und konsequent in ihr Leben umsetzen. Deshalb gibt er dem Team viel Gestaltungsfreiheit. Er unterstützt den Jugendgottesdienst jeweils mit einem Gruss- und Segenswort sowie durch Gespräche mit Eltern und Grosseltern beim anschliessenden Apéro. In derselben Weise ist Pfarrer Rolf Roeder (Basadingen-Schlattingen-Willisdorf) seit zwei Jahren dabei, ab dem neuen Schuljahr auch Pfarrerin Sabine Aschmann (Schlatt).

Gott jugendgemäss erfahren

Das Geschehen rund um die Diessenhofer Jugendkirche hat längst eine Eigendynamik entwickelt. Es geht ja nicht „nur“ um den Gottesdienst. Vielmehr ist eine breit aufgestellte Jugendarbeit erwachsen. Gezielt werden Begabungen in folgenden Vorbereitungsgruppen gefördert: Theater, Band, Tanz, Technik, Werbung, Dekoration, Moderation, Verpflegung. Karin Schmid und Jael Mascherin leiten diese Gruppen. Beim computergestützten Schreiben des Drehbuchs, bei Fotografie, Bildmontage und Flyer-Gestaltung, beim Filmen, Malen, Werken, Basteln, Rollenspiel und Musizieren ergeben sich zahlreiche Kontakte. Die Jugendlichen haben erfahrene Ansprechpersonen, mit denen sie über ihre Alltagserlebnisse ins Gespräch kommen. Immer wieder folgt daraus eine vertiefte Debatte über Glaubensfragen.

Die neugewählte Diessenhofer Kirchenpräsidentin Jael Mascherin möchte, dass Jugendliche „ihren“ Ort haben, an dem sie Gott kennenlernen und miteinander Gemeinschaft pflegen. Karin Schmid legt Wert darauf, die biblische Botschaft kreativ und ansprechend zu übermitteln. „Gott ist kein alter Mann mit Bart“, betont sie, „sondern auch für die heutigen Menschen ein guter Vater, der uns in Liebe begegnet.“

Schülerchor und Konfirmation

Der musikalische Teil liegt in Händen von Dan Schmid. Er leitet die Youth Church Band, seit neuem verbunden mit einem Gospelchor. Im Hinblick auf das Christfest wird ein Schülerchor auf die Beine gestellt. „Weihnachten erleben“ wird wie letztes Jahr rund um die Stadtkirche in Szene gesetzt. Der Termin ist am 08.12.2020.

Die gottesdienstliche Mithilfe der Jugendlichen ist ein wesentlicher Baustein auf dem Weg zu ihrer Konfirmation. Darauf legen alle drei Kirchgemeinden besonderen Wert. Zudem sollen Konfirmanden als Jugendleiter herangebildet werden; ehemalige Konfirmanden helfen bereits jetzt im Bereich von Technik und Band. Der Startschuss für acht Jugendgottesdienste im Schuljahr 2020-2021 erfolgt am Dienstag 15. September 2020 zu dem Thema „König Salomo“.