Leben bis zuletzt und in Frieden sterben

Palliative Care – Ein starkes Hoffnungszeichen – Dr. phil. Matthias Mettner.

Von der Würde menschlicher Bedürftigkeit, der Bedeutung der Palliative Care und der Frage, worum es in der Debatte um die Sterbehilfe heute geht.
Jeder Mensch wünscht sich und seinen Angehörigen eine schmerz-, angst- und beschwerdefreie letzte Lebenszeit, ein „Leben bis zuletzt und ein Sterben in Frieden“ (Cicely Saunders). Doch viele Menschen sorgen sich um die letzte Phase ihres Lebens. Sie haben Angst davor, eines Tages Angehörigen und Pflegenden in der Zeit der Krankheit zur Last zu fallen und zunehmend abhängiger von fremder Hilfe zu werden. Sie befürchten, im Prozess des Sterbens unnötig leiden zu müssen oder ohne ausreichenden menschlichen Beistand zu sein.

Die letzte Lebensphase eines Menschen ist wesentlich durch Abhängigkeit und Verletzlichkeit bestimmt. Gleichzeitig hat der Patient das Bedürfnis, seine Autonomie bis weit in die Krankheit hinein zu erhalten. „Ich will sterben und mich nicht sterben lassen“ – dies ist mit den Worten des italienischen Lyrikers und Schriftstellers Cesare Pavese eine der grossen Hoffnungen des Menschen im Blick auf das Ende seines Lebens.

Palliative Care ist heute für chronisch und schwer kranke sowie sterbende Menschen ebenso wie für Angehörige und Berufsgruppen im Gesundheitswesen und der Seelsorge ein starkes Hoffnungszeichen. Der Respekt gegenüber dem kranken Menschen und seinen Bedürfnissen und das Ziel, den Patienten im Erleben der eigenen Würde zu unterstützen, stellen für den Kranken, seine Angehörigen und die Behandelnden die wesentliche Grundhaltung in der palliativen Medizin, Pflege und Begleitung dar. Im Rahmen von Palliative Care stehen vielfältige Behandlungsoptionen und Interventionsmöglichkeiten zur Verfügung, die weit über ein alleiniges Symptommanagement (Behandlung, Linderung und Prävention körperlicher Krankheitsbeschwerden) hinausgehen und die seelischen, sozialen, existenziellen und spirituellen Erfahrungen des Patienten berücksichtigen.

Immer wieder stellen sich bei schwerer Krankheit und am Lebensende ethische Fragen. Bei der heute viel diskutierten Frage der Sterbehilfe bewegen wir uns in der Spannung „zwischen dem Gebot der unbedingten Achtung des Lebensrechtes jedes Menschen, der nicht minder grundlegenden Verpflichtung des Arztes, ihm, wo immer, Leiden zu ersparen, und dem umgreifenden Prinzip, ihn in seiner Menschenwürde, auch in seinem Selbstbestimmungsrecht, zu respektieren“ (Günther Stratenwerth).

Informationsmaterial zum Vortrag

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Vortrag Palliative Care - BAG Nationale Leitlinien Palliative Care D 2010
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Vortrag Palliative Care - Würde II Nova 2011
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Vortrag Palliative Care - Abschiedsschmerz Nova 2009
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Vortrag Palliative Care - Handout des Vortrages

    «Von guten Mächten wunderbar geborgen»

    So heisst es im berühmt gewordenen Gedicht des deutschen Theologen Dietrich Bonhoeffer. Er schrieb es 1944 während seiner Haft in Deutschland im zweiten Weltkrieg.  Als NS-Widerstandskämpfer wurde er ein Jahr später hingerichtet. Dieser Entstehungshintergrund lässt seine Zeilen nochmals viel tiefer zu Herzen gehen. Wer war dieser Mann und was trieb ihn an?

    Dieser Frage gingen am letzten Freitagabend 15 Personen an einem interaktiv gestalteten Erwachsenenbildungsabend der evangelischen Kirchgemeinde Diessenhofen unter der Leitung von David Jäggi nach. Mit Text- und Filmausschnitten, Büchern, Bildern, Gedanken von David Jäggi und gemeinsamem Austausch wurden zahlreiche Schätze entdeckt. Was immer wieder deutlich wurde: Bonhoeffer konnte sein geistliches Leben mit seinem aktiven Wirken in der Welt aufs Engste verbinden. Eine ganzheitlich gelebte Gottesbeziehung, die in tiefsten Krisen trug und auch heute noch zur Nachahmung inspiriert.

    Text Florian Aeberhardt. Bild Thomas Russenberger.

    «Ich will euch Zukunft und Hoffnung geben»

    Weltgebetstag vom Freitag 4. März in Schlattingen

    Rund dreissig Personen aus der Region feierten in der «Very British» geschmückten Kirche zeitgleich mit den sieben Regionen der Erde einen eindrücklichen Weltgebetstags-Gottesdienst. Die Verfasserinnen der Liturgie kamen dieses Jahr aus England, Wales und Nordirland. Ihnen war es wichtig, die Aufmerksamkeit auf ein umfassendes Gottesbild zu lenken, ein Gottesverständnis jenseits des Geschlechts. Darum wurde stets die Anrede «Gott, unsere Mutter und unser Vater» verwendet.

    Die stimmungsvollen Lieder teils in Englisch, teils in Deutsch, untermalten die Thematik des Abends, einerseits beschrieben von Jeremia, das Volk Israel im Exil in Babylon und andererseits die aktuellen Probleme unserer Zeit. Zentral blieben dabei stets die kraft- und segensreichen Worte Gottes «Ich will euch Zukunft und Hoffnung geben». Eine tröstende und stärkende Zusage, welche gerade in unserer krisengeprägten Zeit Mut macht aktiv zu sein, zu handeln, zusammen zu stehen und einander gegenseitig zu unterstützen.

    Désirée Eicher-Uehlinger

    Wenn der Glaube aus der Kirche ins Internet wandert

    Digitale Horizonte in Diessenhofen

    Eine faszinierend weite Welt tat sich inmitten des Städtli auf, als Dave Jäggi, Pastor der Evangelisch-methodistischen Kirche EMK, religiöse Internet-Angebote präsentierte. Dies geschah am Abend des 04. November in der Begegnungsstätte VENUE im Rahmen der „Etwas anderen Erwachsenenbildung“ der Evangelischen Kirchgemeinde Diessenhofen unter der Frage: „Eignet sich das Internet für Spiritualität? Kann es Gemeinschaft aufbauen?“ Eine Fülle von Predigten, Gesprächen und Gebeten wurde online präsentiert. Passend dazu lieferte der Redner geistreiche und unterhaltsame Ratschläge für das Verlassen eingefahrener Gleise und den Empfang frischer Impulse.

    Freude am Experimentieren

    Auf elektronischem Wege könne jeder seine individuell angemessene Ausdrucksform des Glaubens zusammenstellen, so Jäggi. Die Möglichkeiten des Internet kämen experimentierfreudigen Leuten des 21. Jahrhunderts entgegen. Der zeitgenössische Mensch liebe es, überraschende Perspektiven wahrzunehmen und ungewohnte Methoden des Sehens und Bewertens auszuprobieren. Genau diese Chance biete das neue Medium, aber „womöglich aus einer Ecke, von wo wir es nicht erwartet haben.“ Kirche und Religion würden vom örtlich begrenzten Wirkungskreis in eine weltweit vernetzte Freiheit verwandelt. Doch stünden die medial breitgefächerten Formate nicht im Widerspruch zu regionalen Angeboten, sondern ergänzten und erweiterten diese, wie der Referent einer wissbegierigen Runde von Kirchbürgern darlegte.

    Vernetzte Spiritualität

    „Leben bedeutet Vernetzung“, unterstrich Jäggi. Je weiter und intensiver diese Vernetzung ausgeprägt sei, desto umfassender und tiefer sei ihre Lebendigkeit. Das Internet könne als Gerüst verstanden werden für ein „die Welt umspannendes und vereinendes Netzwerk der alles verbindenden Liebe“, erläuterte er mit Bezug auf Benediktiner-Mönch David Steindl. Hierbei komme „Spiritualität“ ins Spiel. Dieser Ausdruck sei abgeleitet vom lateinischen Wort spiritus = Lebensatem. Spiritualität bedeute also ihrem Namen nach „Lebendigkeit“. Genau diese spirituelle Lebendigkeit werde im Internet weltweit ausgebreitet, aber zugleich individuell verfeinert. Daher könne das Internet sogar selbst als „spirituelle Erscheinung“ bezeichnet werden.

    Bei allem Optimismus über das neue Medium wurde nicht verschwiegen, dass sämtliche Dinge im Internet gespiegelt und gesteigert werden – die positiven wie die negativen. Wer sich seiner christlichen Verantwortung bewusst sei, konzentriere sich ausschliesslich auf die guten Möglichkeiten der digitalen Welt.

    Breite Palette der Angebote

    Dave Jäggi führte zahlreiche Webseiten vor, die eine universelle Begegnung ermöglichen im Geiste eines dynamischen, fein ausdifferenzierten, toleranten und grosszügigen Christentums. Die Bandbreite reichte von witzigen Cartoons über knallige Theaterszenen, humorvolle Spezialfragen der Bibel, kritisch-bissige Streitgespräche, warmherzig-tröstliche Predigten bis hin zur genauen Anleitung täglicher wiederkehrender Gebetszeiten. Genannt wurden z. B. die Webseiten und Podcasts Reflab.ch, unter Pfarrerstöchtern, hossa-talk.de, wort-und-fleisch.de, worthaus.org, youtube.com:EMK Schwarzenberg, dasbibelprojekt.visiomedia.org, sola-gratia.ch, feinschwarz.net, XRCS und netzkloster.ch

    An den Vortrag schloss sich eine angeregte Diskussion an, die die Eindrücke des Abends abrundete. Die nächste Veranstaltung dieser Reihe ist am 26. Januar 2022 um 19.30 in der Stadtkirche zu dem Thema „Leben bis zuletzt und in Frieden sterben – Autonomie und Abhängigkeit, Würde und Selbstverantwortung“ mit Dr. Matthias Mettner (Arbon/Zürich), Studienleiter von „Palliative Care und Organisationsethik“ sowie Programmleiter des Forums „Gesundheit und Medizin“.

     

    Die Stadtkirche im Spiegel der Jahrhunderte

    Mittelalterliche Frühzeit

    Vergangenen Samstag nachmittag trug Hansueli Ruch in der Diessenhofer Stadtkirche die Geschichte dieses Gotteshauses vor. Eindringlich schilderte er die bescheidenen baulichen Anfänge 757 unter Federführung des Klosters St. Gallen sowie die Weihe zu Ehren des französischen Heiligen und Pariser Bischofs Dionysius, der um 250 den Märtyrertod erlitten hatte. Sodann berichtete der Referent von umfangreichen mittelalterlichen Um- und Neubauten während der Ära der Kyburger und Habsburger, als nach dem verheerenden Stadtbrand von 1371 und dem nachfolgendem Wiederaufbau die Stadtkirche fast bis zur heutigen Größe ausgeweitet wurde.

    Zwei Gemeinden unter einem Dach

    Anhand grossformatiger Bilder, auf der Leinwand eingeblendet, bekamen die Teilnehmer eine lebendige Vorstellung von vergangenen Zeiten und ihrer Auswirkung auf die Gegenwart. Besonders im Mittelpunkt stand die viereinhalb Jahrhunderte währende gemischtkonfessionelle Nutzung des Gotteshauses. Humorvoll wies der Redner auf zwei Problemfälle hin, die bis heute für Gesprächsstoff sorgen: So habe es kurz nach dem Übertritt eines Teils der Diessenhofer Bürger zur Reformation (1529) den Vorfall gegeben, dass Darstellungen der zwölf Apostel, katholischerseits an Wänden des Chors aufgemalt, von reformierten Heissspornen zerkratzt und entstellt wurden. Sie sahen in den Heiligenbildern offenbar nur Götzendienst, anstatt sich über künstlerische Details zu freuen.

    Fahnen und Schwerter

    Das andere Konfliktbeispiel, das Herr Ruch anführte, stammt aus dem ersten Drittel des 17. Jahrhunderts. Damals hätten katholische Diessenhofer Bürger den Chorraum so dicht mit Fahnen zugestellt, dass der evangelische Pfarrer kaum noch seinen Weg zur Kanzel habe bahnen können. Dermassen von religiösen Textilien eingehüllt, sei ihm nichts anderes übrig geblieben, als seine reformatorische Predigt inmitten katholischer Farben und Symbole zu halten. Dieser Missstand habe den städtischen Arzt Georg Michael Wepfer (1591-1659) auf die Palme gebracht. Während einer Anhörung zur Streitschlichtung habe er kurz entschlossen sein Schwert ergriffen und die Fahnen mitten hindurch zerteilt. Infolge dieser Störung des konfessionellen Friedens sei ihm nichts anderes übrig geblieben, als das Städtli zu verlassen und in Schaffhausen eine neue Praxis zu eröffnen. Sein Sohn war der in der Medizingeschichte zu einiger Berühmtheit gelangte Johann Jakob Wepfer (1620-1695), an den ein Schaffhauser Strassenname erinnert.

    Raumgefühl im Kirchenschiff

    Breiten Raum nahm die innenarchitektonische Darstellung ein. Das Kirchenschiff sei seit dem ausgehenden Mittelalter von einem wuchtigen Lettner vom Chorraum getrennt gewesen. 1838-1839 sei die Decke zu einem hohen Spitzbogen aufgewölbt worden. In Verbindung mit einem teilweise schwachen Lichteinfall sei dadurch eine geheimnisvoll mystische Stimmung – ähnlich wie in einer gotischen Kathedrale – erzeugt worden, die erst durch den Umbau von 1968-1970 mit Einzug einer hölzernen Kasettendecke in ein helles, weites Raumgefühl umgewandelt worden sei. In den 1960er Jahren sei es zur schiedlich-friedlichen, räumlichen Trennung beider Kirchgemeinden gekommen, weil die katholische Seite einen eigenen Neubau anstrebte und verwirklichte. Die letzte Renovierung 2016-2017 habe für die Stadtkirche eine Bestlösung noch anstehender Restprobleme erbracht.

    Die wissbegierigen Besucherinnen und Besucher freuten sich über einen anregenden Nachmittag mit Hansueli Ruch, der aktives Mitglied der Kirchgemeinde ist und sich insbesondere im Archivwesen einen Namen gemacht hat.

    Diese Veranstaltung im Rahmen einer „Etwas anderen Erwachsenenbildung“ wurde von Kirchenvorsteher Thomas Russenberger organisiert. Die nächste Veranstaltung dieser Reihe ist die Pilgerwanderung „Von der Höll zum Paradies“, die unter der Leitung von Brigitta Lampert am 8. Mai um 14.oo an der Stadtkirche angeboten mit.

    Mitarbeiterabend

      Mit einem erlebnisreichen und unterhaltsamen Abend bedankte sich die evangelische Kirchgemeinde bei ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Krippenmuseum in Stein am Rhein. Über 600 Krippen aus 80 Ländern konnten unter kundiger Führung bestaunt und bewundert werden.

    Jede Krippendarstellung ist ein Unikat und zeugt von grosser Handwerkskunst im Ausdruck der jeweiligen Herkunft.

    Dieser Besuch im Krippenmuseum nach Ostern war ganz speziell und verband das Kommen von Gott zu uns Menschen und in unser Leben hinein mit der Verheissung der Auferstehung und das ewige Leben.

    Eindrucksvolle Tage mit Pfarrer Dr. Theo Lehmann

    Denkwürdige Diessenhofer Tage

    (von Pfarrer Gottfried Spieth)

    Ein wortgewaltiger Prediger und Mitgestalter des jugendbewegten Aufbruchs in der damaligen DDR gastierte letztes Wochenende in Diessenhofen: Theo Lehmann. Seine Auftritte vom 28. bis 30. September in der vollbesetzten Stadtkirche werden weiterwirken. Sein Lied von der Liebe Gottes, die die Kälte aus den Herzen herausnimmt und rohe Fäuste in Hände verwandelt, wurde an den Abenden gesungen, und es wird weiterklingen. Es ist eines von über hundert Songs, die Lehmann getextet hat. Noch sitzt er ruhig an seinem Platz, gelegentlich huscht ein stilles Lächeln über sein Gesicht. Doch kaum hat er die Kanzel bestiegen, geht er ganz aus sich heraus und löst einen heilsamen Schrecken in den Köpfen und Herzen aus. Sein Thema ist der Mensch, dem es gleichgültig ist, wo er die Ewigkeit verbringen wird – und der aus dem Schlaf seiner Sünden wachgerüttelt werden muss, damit er gerettet werden kann. Die Kernfrage lautet: Verlierst du den Himmel, oder gewinnst du ihn?
    Dann prangert Lehmann verweichlichte Christen und verweltlichte Kirchen an, die ihre Kernbotschaft nicht mehr an den Mann oder an die Frau bringen. Und er fragt, ob wir in Europa bereit und in der Lage sind, eine künftige Verfolgung durchzustehen. In Bezug darauf schildert er eigene Erfahrungen unter dem kommunistischen Regime, das zahlreiche Spitzel auf ihn angesetzt hatte und ihm das Leben in jeder erdenklichen Weise schwer machte. Nachdrücklich setzt sich Lehmann dafür ein, dass Christen auch heute wieder die Fähigkeit erlernen, ihren Glauben unter Druck und Anfeindung auszuüben.
    Mit grossem Eifer vertritt er sein Anliegen, gewürzt mit einem Schuss Ironie. Wenn er seine markanten und humorvollen Signale sendet, charmant dargeboten in sächsisch gefärbtem Deutsch, geht ein Raunen durch die Hörerschaft. Dieser volkstümliche Redner übt eine eigenartige Anziehungskraft aus, obwohl er immer wieder kräftig austeilt. Zum Beispiel wirft er einer spassbetonten Jugend- und Konfirmandenarbeit vor, dem Ernst des Lebens nicht gerecht zu werden. Was er sagt, steht quer zu den üblichen Sonntagspredigten mit ihrem wohltemperierten, auf Mass und Mitte getrimmten Ton.

    Prophetische Stimme

    Dieser Theologe aus dem Osten pflegt nicht den Dialog am runden Tisch. Sein Ziel ist nicht der friedvolle Ausgleich der Kulturen und Religionen. Stattdessen erfolgen Seitenhiebe auf die tonangebenden Kreise in Gesellschaft und Kirche. Sie klagt er an, ihren Auftrag vernachlässigt und verwässert zu haben. Eine scharfe Attacke reitet er gegen deutsche Bischöfe, die ihre Brustkreuze abnahmen, als sie im Heiligen Land den Tempelberg bestiegen. Gegenüber Freund und Feind verteidigt Lehmann den überlieferten Wahrheitsanspruch von Jesus Christus.
    Was dieser Jesus in Johannes 6,67 seine Jünger fragt, das macht der Prediger aus Sachsen zum Thema seiner Diessenhofer Schlusspredigt: „Wollt ihr auch weggehen?“ In dieser Frage steckt, so Lehmann, ein Programm und eine selbstbewusste Haltung. Jesus weiss, was er will und was er nicht will. Seine Forderungen ermässigt er nicht, obwohl einige Hörer bedenklich mit dem Kopf wackeln. Er hat es nicht nötig, sich zu entschuldigen, weil er etwa zu weit gegangen wäre. Er kann es sich sogar leisten, die eigenen Leute ziehen zu lassen, wenn sie nicht auf seine Vorgaben eingehen. Er läuft ihnen nicht nach. Er braucht sie nicht, sie brauchen ihn.
    Das ist eben kein Semmel-Jesus, der zum Frühstück ein paar Gipfeli liefert. Sondern ein König mit Hoheit und Würde. Und der braucht nicht um Zustimmung betteln. Der braucht nicht um die Gunst von Wählerstimmen buhlen. Der hat keine Angst vor dem Urteil des Publikums. Der nimmt nichts zurück und gibt nicht nach, wenn jemand versucht, die Gnade verbilligt zu bekommen. Denn diese Gnade ist teuer, und sie bleibt teuer. Und sie hat Grenzen. Der Zugang zu dieser Gnade ist an eine Bedingung geknüpft. Was ist die Voraussetzung, um sie zu bekommen? Der Glaube. Das persönliche Vertrauen zu ebendiesem Jesus. Und das kostet. Das ist anspruchsvoll. Das setzt eine Entscheidung voraus. Das erfordert den Einsatz des Willens. Das braucht keine Rückversicherung bei der Mehrheitsmeinung, sondern Abstand von allen Formen des Halbglaubens und Unglaubens. Das schafft die Befreiung aus einem Meer von Unverbindlichkeit und Beliebigkeit.

    Rückblick und Ausblick

    Bald ist es dreissig Jahre her, dass der Eiserne Vorhang gefallen ist, und Theo Lehmann zieht Bilanz. Dankbar ist er für den Zugewinn an persönlicher Freiheit, der sich seit der Wende europaweit entwickelt hat. Gar nicht dankbar ist er für den Verlust an Sicherheit seit 2015, als eine mehr oder weniger unkontrollierte Zuwanderung zugelassen wurde. Dabei begrüsst Lehmann jede Tat der Nächstenliebe, sei sie nun auf nahe oder ferne Menschen gerichtet. Diese alle seien angewiesen auf das Evangelium, das sie rettet. Was er hingegen ablehnt, ist eine schrankenlose Barmherzigkeit, die sich staatliche Organe auf ihre Fahnen schreiben – und mit dieser Begründung dann Grenzen öffnen und jeden hereinlassen, wer es auch sein mag. Eine solche Willkommenskultur habe zwar einen moralisch hochwertigen Anspruch, sei aber in der Wirklichkeit nicht umsetzbar, weil sie im Grunde genommen schwärmerisch und utopisch sei. Das Gebot der Barmherzigkeit könne und dürfe den rechtsstaatlichen Grenzschutz nicht aushebeln.
    Lehmann hat an diesen Diessenhofer Begegnungstagen Akzente gesetzt, die ungewöhnlich sind und von Vertretern der Kirche selten geäussert werden. Er hat kräftigen Gegenwind zum Zeitgeist entfacht, aber noch mehr Rückenwind erzeugt für diejenigen, die mit Ernst Christen sein wollen. Was er uns ins Stammbuch geschrieben hat, gleicht einer äusserst kritischen Nachbetrachtung zum letztjährigen Reformationsjubiläum, das allzu sehr auf die Bedürfnisse des modernen Menschen zugeschnitten war. Zugleich ist es eine eindringliche Mahnung an alle Thurgauer evangelischen Kirchgemeinden, dass sie das bevorstehende 150-jährige Jubiläum unserer beiden Landeskirchen im Geist eines unverkürzten und unverstellten Evangeliums feiern.