Andacht zu Auffahrt 21. Mai 2020

Liebe Gemeinde

Liebe Leserinnen und Leser

Auffahrt – was für ein herrlicher Tag! Und doch – wie schwer verständlich! Der humorvolle Pfarrer Zwick unternahm den Versuch, es der damaligen sechsten Klasse beizubringen, zu der auch ich gehörte. Lang ist`s her. Seine Strichmännchen, flugs an die Tafel gezaubert, gewürzt mit launigen Kommentaren, haben uns belustigt und erfreut. Zugleich liessen sie mich etwas ratlos zurück. Ein bisschen wähnte ich mich wie in einem düsteren Nebel. Was mich verwirrte, war jene rätselhafte Wolke, in welcher Jesus bei seiner Himmelfahrt zu entschwinden drohte.

Erst viel später gewann ich einen helleren Zugang zu diesem Fest. Das war bei einem Gottesdienst in der St. Hedwigs-Kathedrale zu Berlin. Hier wurde alles aufgeboten, was Stimmen und Instrumente leisten können zum Lobe Gottes. Im brausenden Klang der Lieder, im klingenden Spiel des Orchesters, zwischen Trompeten und Fanfarenstößen vernahm ich Worte von Psalm 47. Und plötzlich wurde vieles klarer als zuvor.

„Der Herr steigt empor beim Hall von Posaunen.

Es freue sich der Himmel, und die Erde jauchze ihm zu.

Ihr Völker, klatscht in die Hände!

Gott stieg empor unter Jubel, der Herr beim Schall der Hörner.

Singt unserem Gott, ja singet ihm. Spielt unserem König, ja spielt ihm!

Denn König der ganzen Erde ist Gott. Spielt ihm ein Weisheitslied!

Gott wurde König über alle Völker, er sitzt auf seinem heiligen Thron. Halleluja!“

Wer ist die Person, die hier gefeiert wird? Natürlich Gott. Aber auch sein Sohn: Er steigt zum Weltenherrscher auf. So gesehen, passt der Psalm zur Auffahrt des Jesus von Nazareth – und zu dessen Laufbahn bis hin zu höchsten irdischen und himmlischen Ehren. Und wir? Wahrscheinlich stimmen wir staunend und bewundernd in die Hochrufe ein. Aber wo stehen wir? Doch nicht „dort droben“. Sondern wo? Natürlich hier auf der Erde!

Und die wird keineswegs abgewertet. Das ist wichtig anzumerken. Unsere Welt mitsamt ihren vielen Völkern wird an Auffahrt weder kaltgestellt noch schlechtgeredet. Sondern sie ist weiterhin von höchstem Interesse. Hier leben wir gut und gerne. Mit beiden Beinen stehen wir auf dem Boden dieser Tatsachen. Das ist so gewollt von unserem Herrn. Sonst hätte er uns gleich mitnehmen können, als er aufbrach von dieser Erde – und diese irdische Welt auflösen und entsorgen können. Hat er aber gerade nicht gemacht!

Ebenso wenig bedeutet Auffahrt, dass Jesus sich selber verflüchtigt oder aufgelöst hat. Er ist nicht entschwunden in ein unbestimmtes Dasein oder in ein fernes Traumland. Im Gegenteil. „Auf-Fahrt“ kann man schlicht und einfach übersetzen mit „Über-Fahrt“. Und diese Überfahrt war für Jesus weder langwierig noch hat sie lange gedauert. Ist er also nur kurz um die Ecke abgebogen? Ist er in eine ähnliche, volle, pralle – aber eben parallele – Welt abgezweigt? Für diese Deutung spricht einiges. Diese parallele Welt geht kreuz und quer durch unsere Welt hindurch. Mit vielen Berührungs­punk­ten. Mit vielen Brückenschlägen hinüber und herüber.

Weil Jesus überhaupt nicht weit entfernt ist von uns, sind unsere Gedanken, Empfindungen und Gebete so nahe dran an ihm und in seinem Herzen. Deshalb ist uns seine Stimme auch so lieb und vertraut, die zu unseren Herzen und Gewissen spricht – und die aus seinem Wort so frisch und lebendig zu uns herüberklingt. Eben aus der Bibel ruft er uns zu:

„Ich unterstütze euch! Ja, ich komme bald zu euch zurück. Habt Geduld! Ich bin schon kräftig am Vorbereiten. Handelt, bis ich wiederkomme! Tut in der Zwischenzeit, was ihr könnt. Bezeugt meinen Namen und meine Botschaft. Lehrt und tauft alle Völker. Tretet für meine Gerechtigkeit ein. Kämpft für das Gute und gegen das Böse. Begeht keine Weltflucht, sondern habt eure Heimat lieb. Und habt zugleich das grosse Ziel vor Augen, zu dem ihr berufen seid!“

In ähnlicher Weise hält der Meister mehrere Abschiedsreden an seine Schüler und Jünger, bevor er ihren Blicken entzogen wird, siehe zuletzt Matthäus Kapitel 28, 18-20.

Hören wir die Stimme des Meisters? Fühlen wir seine Liebe? Spüren wir seine Zeichen und seine Ausstrahlung? Auf, trauen wir ihm und seinem unsichtbaren Segen! Oft wird sein unsichtbarer Segen sogar sichtbar und messbar – und kann dann umgesetzt werden im normalen Alltag, in unseren Familien, in unserem Volks- und Kulturleben.

Was wir brauchen, ist Geduld. Einst kommt der Tag, an dem die Schranken aufgehoben werden, die uns jetzt noch trennen. Dann kommt der Heiland mit allen seinen himmlischen Kräften und Mächten zurück auf unseren Planeten Erde. Hier richtet er sich dann von neuem wohnlich ein – mitten unter uns. Dann wird alles zurechtgebracht, was jetzt noch krank und krumm, schlecht und falsch läuft. Dann erstrahlt die Welt in neuem Glanz. Dann sehen wir ihn von Angesicht zu Angesicht, und dann ist Freude ohne Ende …

Herr Jesus Christus, du bist glanzvoll heimgekehrt zu deinem Vater. Für deine Wertschätzung danken wir dir, die du uns weiterhin unaufhörlich entgegenbringst.

Wir bitten dich für jung und alt, für unsere Familien und für alle Kranken und Einsamen, be­son­ders in den Heimen: Dass wir einander begegnen in herzlicher Liebe und neuer Zuversicht.

Wir bitten, dass die neuen Lockerungen in der heutigen Corona-Situation zu einem achtsamen Umgang miteinander führen, um den vielen Betroffenen bald wieder eine Perspektive zu ermöglichen.

Wir bitten für Notleidende und Verfolgte in aller Welt, dass Hass und Krieg ein Ende nehmen, damit Frieden und Gerechtigkeit Einzug halten. Bringe die Schöpfung deines Vaters wieder zurecht, indem du zurückkehrst zu uns, Jesus Christus, unser Herr und Befreier, Amen.

1   Gen Himmel aufgefahren ist, Halleluja

      der Ehrenkönig Jesus Christ. Halleluja

4    Drum jauchzen wir mit grossem Schalln, Halleluja

      dem Herren Christ zum Wohlgefalln. Halleluja

2   Er sitzt zu Gottes rechter Hand, Halleluja

     herrscht über Himmel und alle Land. Halleluja

5   Der Heiligen Dreieinigkeit, Halleluja

     sei Lob und Preis in Ewigkeit. Halleluja

3   Nun ist erfüllt, was gschrieben ist, Halleluja

     in Psalmen von dem Herren Christ. Halleluja

                    Gesangbuch 491
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