Andacht zu Auffahrt 21. Mai 2020

Liebe Gemeinde

Liebe Leserinnen und Leser

Auffahrt – was für ein herrlicher Tag! Und doch – wie schwer verständlich! Der humorvolle Pfarrer Zwick unternahm den Versuch, es der damaligen sechsten Klasse beizubringen, zu der auch ich gehörte. Lang ist`s her. Seine Strichmännchen, flugs an die Tafel gezaubert, gewürzt mit launigen Kommentaren, haben uns belustigt und erfreut. Zugleich liessen sie mich etwas ratlos zurück. Ein bisschen wähnte ich mich wie in einem düsteren Nebel. Was mich verwirrte, war jene rätselhafte Wolke, in welcher Jesus bei seiner Himmelfahrt zu entschwinden drohte.

Erst viel später gewann ich einen helleren Zugang zu diesem Fest. Das war bei einem Gottesdienst in der St. Hedwigs-Kathedrale zu Berlin. Hier wurde alles aufgeboten, was Stimmen und Instrumente leisten können zum Lobe Gottes. Im brausenden Klang der Lieder, im klingenden Spiel des Orchesters, zwischen Trompeten und Fanfarenstößen vernahm ich Worte von Psalm 47. Und plötzlich wurde vieles klarer als zuvor.

„Der Herr steigt empor beim Hall von Posaunen.

Es freue sich der Himmel, und die Erde jauchze ihm zu.

Ihr Völker, klatscht in die Hände!

Gott stieg empor unter Jubel, der Herr beim Schall der Hörner.

Singt unserem Gott, ja singet ihm. Spielt unserem König, ja spielt ihm!

Denn König der ganzen Erde ist Gott. Spielt ihm ein Weisheitslied!

Gott wurde König über alle Völker, er sitzt auf seinem heiligen Thron. Halleluja!“

Wer ist die Person, die hier gefeiert wird? Natürlich Gott. Aber auch sein Sohn: Er steigt zum Weltenherrscher auf. So gesehen, passt der Psalm zur Auffahrt des Jesus von Nazareth – und zu dessen Laufbahn bis hin zu höchsten irdischen und himmlischen Ehren. Und wir? Wahrscheinlich stimmen wir staunend und bewundernd in die Hochrufe ein. Aber wo stehen wir? Doch nicht „dort droben“. Sondern wo? Natürlich hier auf der Erde!

Und die wird keineswegs abgewertet. Das ist wichtig anzumerken. Unsere Welt mitsamt ihren vielen Völkern wird an Auffahrt weder kaltgestellt noch schlechtgeredet. Sondern sie ist weiterhin von höchstem Interesse. Hier leben wir gut und gerne. Mit beiden Beinen stehen wir auf dem Boden dieser Tatsachen. Das ist so gewollt von unserem Herrn. Sonst hätte er uns gleich mitnehmen können, als er aufbrach von dieser Erde – und diese irdische Welt auflösen und entsorgen können. Hat er aber gerade nicht gemacht!

Ebenso wenig bedeutet Auffahrt, dass Jesus sich selber verflüchtigt oder aufgelöst hat. Er ist nicht entschwunden in ein unbestimmtes Dasein oder in ein fernes Traumland. Im Gegenteil. „Auf-Fahrt“ kann man schlicht und einfach übersetzen mit „Über-Fahrt“. Und diese Überfahrt war für Jesus weder langwierig noch hat sie lange gedauert. Ist er also nur kurz um die Ecke abgebogen? Ist er in eine ähnliche, volle, pralle – aber eben parallele – Welt abgezweigt? Für diese Deutung spricht einiges. Diese parallele Welt geht kreuz und quer durch unsere Welt hindurch. Mit vielen Berührungs­punk­ten. Mit vielen Brückenschlägen hinüber und herüber.

Weil Jesus überhaupt nicht weit entfernt ist von uns, sind unsere Gedanken, Empfindungen und Gebete so nahe dran an ihm und in seinem Herzen. Deshalb ist uns seine Stimme auch so lieb und vertraut, die zu unseren Herzen und Gewissen spricht – und die aus seinem Wort so frisch und lebendig zu uns herüberklingt. Eben aus der Bibel ruft er uns zu:

„Ich unterstütze euch! Ja, ich komme bald zu euch zurück. Habt Geduld! Ich bin schon kräftig am Vorbereiten. Handelt, bis ich wiederkomme! Tut in der Zwischenzeit, was ihr könnt. Bezeugt meinen Namen und meine Botschaft. Lehrt und tauft alle Völker. Tretet für meine Gerechtigkeit ein. Kämpft für das Gute und gegen das Böse. Begeht keine Weltflucht, sondern habt eure Heimat lieb. Und habt zugleich das grosse Ziel vor Augen, zu dem ihr berufen seid!“

In ähnlicher Weise hält der Meister mehrere Abschiedsreden an seine Schüler und Jünger, bevor er ihren Blicken entzogen wird, siehe zuletzt Matthäus Kapitel 28, 18-20.

Hören wir die Stimme des Meisters? Fühlen wir seine Liebe? Spüren wir seine Zeichen und seine Ausstrahlung? Auf, trauen wir ihm und seinem unsichtbaren Segen! Oft wird sein unsichtbarer Segen sogar sichtbar und messbar – und kann dann umgesetzt werden im normalen Alltag, in unseren Familien, in unserem Volks- und Kulturleben.

Was wir brauchen, ist Geduld. Einst kommt der Tag, an dem die Schranken aufgehoben werden, die uns jetzt noch trennen. Dann kommt der Heiland mit allen seinen himmlischen Kräften und Mächten zurück auf unseren Planeten Erde. Hier richtet er sich dann von neuem wohnlich ein – mitten unter uns. Dann wird alles zurechtgebracht, was jetzt noch krank und krumm, schlecht und falsch läuft. Dann erstrahlt die Welt in neuem Glanz. Dann sehen wir ihn von Angesicht zu Angesicht, und dann ist Freude ohne Ende …

Herr Jesus Christus, du bist glanzvoll heimgekehrt zu deinem Vater. Für deine Wertschätzung danken wir dir, die du uns weiterhin unaufhörlich entgegenbringst.

Wir bitten dich für jung und alt, für unsere Familien und für alle Kranken und Einsamen, be­son­ders in den Heimen: Dass wir einander begegnen in herzlicher Liebe und neuer Zuversicht.

Wir bitten, dass die neuen Lockerungen in der heutigen Corona-Situation zu einem achtsamen Umgang miteinander führen, um den vielen Betroffenen bald wieder eine Perspektive zu ermöglichen.

Wir bitten für Notleidende und Verfolgte in aller Welt, dass Hass und Krieg ein Ende nehmen, damit Frieden und Gerechtigkeit Einzug halten. Bringe die Schöpfung deines Vaters wieder zurecht, indem du zurückkehrst zu uns, Jesus Christus, unser Herr und Befreier, Amen.

1   Gen Himmel aufgefahren ist, Halleluja

      der Ehrenkönig Jesus Christ. Halleluja

4    Drum jauchzen wir mit grossem Schalln, Halleluja

      dem Herren Christ zum Wohlgefalln. Halleluja

2   Er sitzt zu Gottes rechter Hand, Halleluja

     herrscht über Himmel und alle Land. Halleluja

5   Der Heiligen Dreieinigkeit, Halleluja

     sei Lob und Preis in Ewigkeit. Halleluja

3   Nun ist erfüllt, was gschrieben ist, Halleluja

     in Psalmen von dem Herren Christ. Halleluja

                    Gesangbuch 491

Andacht zum Gebetssontag vom 17. Mai 2020

Besinnung zum Sonntag des Gebets

Liebe Gemeinde!
Liebe Leser in der Nähe und in der Ferne!

Was hat den höchsten Stellenwert in unserem Leben? Die Familie? Der Beruf? Der gute Ruf, den wir uns erarbeitet haben? Oder ist es die Religion? Die Bibel schlägt vier Grund¬sätze vor: „Dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung“ (1. Timotheus 2,1).

Diese goldenen Vier – entsprechen sie nicht den vier Hauptglocken¬ unserer Stadtkirche? Sie lenken mehrmals täglich unsere Gedanken nach oben. Dieser Bezug zu Gott war offenbar unse¬ren Vor¬fah¬ren sehr wichtig; das wird vor den Toren unserer Gemeinde sichtbar an den beiden Klö¬stern St. Katharinental und Para¬dies. Was waren das für Kraft¬orte, gesegnet mit einem enor¬men Gebets¬pro¬gramm und einem ebenso grossem Zulauf! Allerdings wurde in spä¬te¬rer Zeit der gesell¬schaft¬li¬che Nutzen der Klöster angezwei¬felt, und die Zahl der Non¬nen und Mönche nahm entsprechend ab. Die letzten Kloster¬frau¬en wurden 1869 aus St. Ka¬tha¬ri-nen¬tal hinaus¬kom¬pli¬men¬tiert. Der geheimnisvolle Segen dieser Orte aber hat sich erhalten.

Deshalb zieht es Wirtschafts¬führer und Mana¬ger ebenso wie normale Leute wiederum ins Kloster. Sie suchen dort eine Auszeit und Energiezufuhr. Hat jemand von Ihnen und Euch das miterlebt? Womöglich wan¬derten wir auf einem Pilger¬weg. Und was geschah am Ziel? Ent-spannt erfreuten wir uns an den Köstlichkeiten der Kloster¬küche. Dann breitete sich tiefe Stille aus. In einer Medi¬ta¬tion ord¬ne¬ten wir die Gedan¬ken. Waren wir zuvor innerlich aus¬ge-brannt, trat jetzt die Wende ein: Aus sehr wenig geistigem Brennstoff entstand in schöp¬fe¬ri-scher Ruhe eine grosse Umwandlung. Ich hörte von Mitmenschen, die einen unwahr¬schein-lich gesteigerten Segen emp¬fingen – ausgerechnet hinter Klostermauern!

Und diejenigen unter uns, die den Drang nach Kraft¬orten kaum in sich verspüren? Ich glaube, auch sie könnten etwas anfangen mit der vierfachen Empfehlung des Apostels: Bittet, betet, dankt, tut Für¬bitte! Ganz gleich, wie wir ver¬anlagt sind, ob religiös oder nicht: Genies¬sen wir doch einmal unseren Rück¬zugs¬raum, ob mit oder ohne Ker¬ze. Das ist unsere enorme Wachs-tums¬zone. Da fangen wir klein an. Und kommen später wieder sehr viel grösser heraus.

Manchmal ge¬nügt ein einziger Gedanke, in der Stille geboren, demütig, bescheiden. Aus ihm wird ein Anliegen geformt, fein und kräftig. Das bringen wir vor Gott. Als Bitte. Als Gebet. Als Für¬bitte. Als Danksagung. Denk daran: Es sind deine Gedanken. Deine Anliegen. Sie drängen förmlich aus dir heraus. Darum schät¬¬¬ze, schütze, liebe sie. Hege und pflege sie. Gib ihnen Zeit, dass sie sich hell und klar entfalten, dynamisch und kämpferisch. Bringe sie zu Papier. Was betend du geschrieben hast, ist dein innerliches Eigentum. Es ist dir sehr, sehr kost¬bar. Deshalb schenkst du es keinem geringerem als dem Allmächtigen zu treuer Verwaltung.
Womöglich gehen dir dabei die Augen auf? Der Himmel ist ja nicht einsam und leer. Im Ge-genteil: Er ist überaus lebendig und bevölkert. Je näher wir zum Thron des Ewigen vor¬stos¬sen mit unseren Bitten, Gebeten, Fürbitten und Danksagungen, desto drama¬ti¬scher wird es zwischen Himmel und Erde. Dort drüben ist eine geheimnisumwitterte Welt, die du bis¬her noch wenig durchforscht hast. Sie hat einen unerschütterlich festen Bestand. Und sie hat überaus wuchtige, urwüchsige Aus¬wirkun¬gen auf dich. Und mich. Und auf diese ganze Erde.

Achten wir einmal auf die erhabenen vier Thron¬wächter, die im letzten Buch der Bibel ge-schil¬dert werden: Löwe, Stier, Mensch und Adler. Achten wir ebenso auf jene 24 ehrwürdi-gen Ältesten, die den Thronrat Gottes bilden (Offenbarung Kapitel 4). Ich frage: Sind jene ge-heim¬nis¬vollen Lebe¬we¬sen und Persön¬lich¬keiten etwa unsere Mitkämpfer und Mitstreiter? Sind sie mitver¬ant¬¬wort¬lich für den Erfolg unserer Gebete? Verbes¬sern sie unsere Gedanken? Ja, sie bringen sie in eine schärfere, durchschlagend wirksame, geschliffene Form …

Ich finde das ein grossartiges Bild: Unsere Bitten, Gebete, Für¬bit¬ten und Danksagungen werden veredelt in einen herrlich duftenden Weih¬rauch, der in höhere Sphären aufsteigt: „Und ein jeglicher hatte eine Harfe und goldene Schalen voll Räucher¬werk, das sind die Gebete der Heiligen.“ Wobei hier nicht nur besonders ausgeprägte Heilige gemeint sind. Sondern alle getauften und glaubenden Christenmenschen sind eingeladen: Wir alle sollen unsere Gebets¬meinungen und -¬anliegen umwandeln lassen in einen himmlischen Wohlgeruch vor Gottes Thron (Offenbarung Kapitel 5,8 und 8,3-5).
Angesichts solch glänzender Aussichten kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein solches Beten ins Leere läuft. Im Gegenteil: Bitten, Gebete, Fürbitten und Danksa-gun¬¬¬gen sind die am meisten kraftgeladenen Worte dieser Erde. Nicht umsonst verheisst Jesus Chri¬stus, dass wir unbedingt Gehör finden am höheren Ort: „Alles, was ihr bittet in eurem Gebet – glaubt nur, dass ihr´s empfangt, so wird´s euch zuteil!“ (Markus 11,24)

Gestärkt durch diese Verheissung unseres Heilandes, rufen wir mit frohem Mut:

Barmherziger Gott, wir danken dir für deine Wertschätzung und Wegbeglei¬tung in guten und schweren Tagen. Die meisten von uns sind einigermassen glücklich und zufrieden. Allein das ist ein Grund zum Danken. Zumal wir auch unsere Sorgen bei dir bestens aufgehoben wissen.

Wir bitten dich für unsere Familien, Freundes¬kreise und Vereine: Dass wir die gute Gemein-schaft weiter entwickeln. Wir bitten für unsere Kinder, Enkel und alle jungen Men¬schen: Dass sie ihren Weg finden in Verant¬wortung vor dir. Wir bitten für alle Kranken und Einsamen, besonders in den Heimen: Dass sie einen neuen Anfang mit neuen Kräften finden.

Wir bitten für alle Verantwortungsträger im Städtli, Kanton und Bund: Dass sie ihre Auf-gaben sachgerecht wahr¬neh¬men und die Grundsätze der zehn Gebote berück¬sich¬tigen. Wir bitten für alle Mitarbeiter der Kirchen: Dass sie die frohe Botschaft deines Sohnes gern verkündigen.

Wir bitten für Notleidende, Hungernde, Verfolgte und Unter¬drückte in anderen Ländern: Dass Hass und Krieg ein Ende nehmen, damit Frieden und Gerechtigkeit Einzug halten im Namen deiner ewig gültigen Werte und Ordnungen.

Wir bitten für deine ganze Schöpfung: Für Berge, Felder und Wälder, Seen und Flüsse, dass unsere natürlichen Lebensgrundlagen erhalten und, falls sie zerstört wurden, wieder ins Lot gebracht werden – durch die Rückkehr deines Sohnes auf unseren Planeten.

Das alles bitten wir dich, Vater im Himmel, durch Jesus Christus, deinen Sohn, unseren König und Herrn, der mit dir und dem Heiligen Geist herrscht und lebt in Ewigkeit, Amen.

Andacht zum Muttertag 10. Mai 2020

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Liebe Gemeinde! Liebe Gäste !

Was sind die grössten Kräfte, die wir kennen? Die Naturgewalten? Die Liebe? Die Fort­pflanzung von Generation zu Generation? Und gibt es da etwa einen Zusammenhang? Seit andert­halb Wo­chen beherberge ich im Pfarrbüro vier kleine Kätzchen. Was für ein herz­er­greifendes Bild ist das, wenn sie bei der Mama liegen und Milch trinken! Die Kleinen sind gerade da­bei, die Äug­­lein aufzutun. Ich komme aus dem Staunen nicht her­aus, wenn ich dieses Wun­der des Lebens betrachte: Von Tag für Tag entwickelt es sich weiter, Schritt für Schritt, von Stufe zu Stufe.

Heute feiern wir einen Tag, der die Grundsätze dieses lebendigen Wachs­­tums wie kaum ein zweiter verkörpert. Heute denken wir daran, was unsere Mütter leisteten, als sie uns unter Einsatz ihres Lebens zur Welt brachten. Uns ernährt und gestillt haben. Uns mit Liebe über­schütteten. Mit Wär­me be­hü­­te­ten. Die ersten Schrit­te des Laufens beibrachten. Mit Rat und Tat ins Leben hinausbegleiteten.

Die Mütter sind es wert, dass wir sie am heutigen Tag besuchen. Sie mit Blumen erfreu­en. Zur festlichen Kaffeetafel einladen. Oder zu einer Ausflugs­fahrt. Oder zu beidem. Und alte Fotos be­trach­­ten. In Erin­ne­rungen schwelgen. Einen Psalm miteinander beten. Denn sind es nicht unsere Mütter gewesen, die uns einst am Kinderbett das Beten lehrten?

Wie gut tun den Müttern solche Begegnungen wie heute! Damit geben wir ihnen ein Stück von dem zurück, was sie uns damals schenk­ten. Und das baut beide auf, sie und uns. Natür­lich können wir ihnen nicht alles zurückgeben, was sie uns auf den Weg mitga­ben. Erst recht können wir unserem Schöp­fer nicht all das Gute und Schöne zurück­er­stat­ten, das er uns an­vertraut hat. Aber symbolisch können wir schon einiges zurückgeben. Oder sogar recht viel? Und zwar in Form der Danksagung. Steckt darin nicht eine riesengrosse Schwungkraft und eine gewaltige Ener­gie? Gehört nicht der Dank zu den ganz gros­sen Kräften der Schöpfung? So ist es: Neben der Mutter­liebe ist der Dank die zweite Säule des Lebens.

Der Dank erfüllt eine enorme Aufgabe im Alltag: Er sorgt für einen Aus­gleich der Gefühle: So dass wir innerlich in eine auf­ge­räum­te Stim­mung kommen. So dass wir nicht mehr jam­mer­voll in Sack und Asche umherlaufen oder Trübsal blasen. Genauso wenig haben wir es nötig, Luft­schlös­ser zu bauen. Sondern durch die Kraft der Dankbarkeit finden wir Maß und Mitte. Dankbar sind wir für das, was wir haben. Zufrieden sind wir mit dem, was uns anvertraut wurde von unseren Eltern, Lehrern, Lehrmeistern und natürlich vor allem von Gott. Und wir grämen uns nicht über das, was wir nicht erreichen konnten.

Ein Weggefährte gab mir einst den Rat: „Danken schützt vor Wanken.“ Wie recht er damit hatte! Danken schützt vor Wankelmut, Hochmut und Kleinmut. Wer dankbar ist, ge­winnt innere Ruhe und Sicherheit. Wie gelassen ist doch ein dankbarer Mensch! Er ruht in Gott und in sich selbst. Ist geschützt vor sprunghaften, unüberlegten Handlungen. Wird bewahrt vor Torheiten und Halbheiten aller Art.

Dieses Sprichwort hat noch einen zweiten Teil. Vollständig lautet der Satz: „Danken schützt vor Wanken – und Loben zieht nach oben.“ Was macht solch ein Lob? Es verstärkt und steigert den Dan­k. Das Lob setzt immer noch eins drauf: Es malt den Dank in ganz satten, dichten, intensiven Farben. Das Lob multipliziert den Dank – und lädt ein zu frischen Taten.

„Liebe Mutter, wie herrlich war der Sonntagsbraten, den du früher immer herbeigezaubert hast, garniert mit den köstlichsten Beilagen und einem Dessert, das weltweit seinesgleichen sucht. Willst du es heute wieder zubereiten? Lieber Vater, das Wettrennen mit dem Motor­boot war ein­same Spitze, unerreicht bis heute. Ich durfte mitfahren damals auf dem Boden­see vor ein­und­zwanzig Jahren. Wollen wir es in der kommenden Woche erneut probieren?“

Bei solch einem spontanen Lob geschieht Erstaun­liches: Bist du zuvor in einem in­ne­ren Zwie­spalt, missmutig und schwach, so wirst du jetzt zuversicht­lich und tatkräftig. Du lobst dein Gegen­­über – und hast selber auf geheimnisvolle Weise Anteil an der Kraft des Lobes, das du aussprichst. Bist du zuvor noch bedrückt und kraftlos umher geschli­chen, fühlst du dich nun getragen von einer kräftigen, unternehmungslustigen Stimmung, beflügelt zu neuen Taten.

Und was geschieht, wenn wir Gott loben? Kann es wirklich sein, dass das einen Sturm der Begeisterung auslöst? Jedenfalls breitet sich die Herrschaft der po­si­ti­ven Gefühle langsam, aber sicher aus. Wenn es gut geht, fühlen wir eine Leichtigkeit des Daseins und eine neue Schaffens­­kraft und Schaffenslust. Und wenn es ganz gut geht? Dann fühlst du dich wie von Adler­flü­geln getragen. Indem du Gott lobst, gerätst du in eine gehobene, ja mitunter sogar herr­liche Stimmung. „Wir schreiten voran von einer Kraft zur anderen …“ (Psalm 84, Vers 8).

Dank­bar und gläubig tun wir das. Und das Ganze spielt sich oft in einem fami­liä­ren Rahmen ab. Das ist kein Zufall: Liebe zwischen Eltern und Kindern, Dank­bar­keit und Glaube sind drei mächtige Säulen. Und drei Grundkräfte des Lebens. Sie bringen uns Schritt für Schritt weiter. Sie führen uns von Stufe zu Stufe voran. So dass es richtig Freude macht zu leben.

Gott selber hat einen tiefen Sinn für die familiären Dinge. In Gott steckt etwas tief Familiäres drinnen. Da ist der himmlische Vater, der auch mütterliche Züge hat: „Mit Mutterhänden leitet er die Seinen stetig hin und her“ (Lied 240, Vers 5). Ganz nahe beim Vater ist ja der Sohn. Und der Heil­ige Geist. Und zwischen den dreien gibt es unendlich viel Dank­bar­keit und Liebe, unermesslich viel Begei­ste­rung und Lob. Und ähnlich wie wir uns hingezogen fühlen zu unseren Müttern und Vätern, fühlen wir uns hoffentlich auch hingezogen zu unserem wunder­bar familiären Gott – zum Vater und zum Sohn und zum Heiligen Geist … Amen.

„Unseres Herzens Be­geh­ren richtet sich nach deinem Namen und nach deinem Lobpreis. Von Herzen verlangt mich nach dir des Nachts, ja mit meinem Geist suche ich dich am Morgen. … Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht. Denn Gott der HERR ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil. Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Brunnen des Heils. Preiset den HERRN, denn herrliche Taten hat er vollbracht, auf der ganzen Erde soll man es wissen.“

Jesaja 12,2-5 und 26,8-9

Andacht zum Sonntag 3. Mai

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Liebe Gemeinde Liebe Gäste aus nah und fern

Freude liegt in der Luft! Da ist sie also, die aufblühende Natur – und wir mitten¬drin. Stark spüren wir es in diesen ersten Maitagen: Mit allem, was da lebt, was da wimmelt und webt, was da schafft und wirkt, gehören wir un¬trenn¬bar zusam¬men. Seit alters sind das die Tage der erwachenden Umgebung, der tätigen Arbeits¬welt, der aufbrausenden Frühlingskräfte. Wie dankbar sind wir für die la¬chen¬de Sonne! Aber noch mehr danken wir für den Regen, der Felder, Fluren und Gärten tränkt.

Aus diesen urwüchsigen Schöpferkräften speist sich die menschliche Tatkraft. Das wird in den grossen heiligen Büchern ausführlich beschrieben. Die bi¬bli¬schen Schriften liefern zahl-reiche Beispiele aus der Welt der Jah¬¬reszeiten, der Pflanzen und der Tiere, der land¬wirt-schaft¬lichen Hege und Pflege in werktätiger Umgebung.

Eine besondere Aufgabe kommt dabei der Weidewirtschaft zugute, also allem, was mit einer artgerechten Tierhaltung in natürlicher Umgebung zu tun hat. Die Stamm¬väter Abraham, Isaak und Jakob waren Hirten mit einer auch für damalige Zeiten schon immens grossen Schar von Schafen, Ziegen und Rindern.

Der Hirtenberuf wird von König David geradezu verklärt und mit Gott in Verbindung gebracht: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ (Psalm 23) Von diesem Psalm sind viele volkstümliche Gesänge abgeleitet. Ist uns aus hellen Kindertagen nicht vielleicht folgendes anrührende Lied in Erinnerung? Es stammt aus der Barockzeit, in der die geistliche Hirtendichtung eine grosse Rolle spielte:

1   Weil ich Jesu Schäflein bin freu ich mich nur immerhin über meinen guten Hirten, der mich schön weiss zu bewirten, der mich liebet, der mich kennt, und bei meinem Namen nennt.6   Drückt mich meine kleine Last und ich brauche Ruh und Rast, darf sein Schäflein ohn‘ Bedenken in des Hirten Schoss sich senken, kriegt an seiner milden Brust wieder neue Arbeitslust.
2   Unter seinem sanften Stab geh ich aus und ein und hab‘ unaussprechlich süsse Weide, dass ich keinen Hunger leide; und sooft ich durstig bin, führt er mich zum Brunnquell hin.7  Sollt ich nun nicht fröhlich sein, ich beglücktes Schäfelein? Denn nach diesen schönen Tagen werd‘ ich endlich heimgetragen in des guten Hirten Schoss. Amen, ja, mein Glück ist gross.

Freilich, es gibt Einwände gegen das Bild vom guten Hirten: Drückt es nicht Abhängigkeit aus? Wir sind doch Selbständigkeit gewohnt! Ich dagegen finde: Dieser Eine ist es wert, dass wir ihm unsere Wertschätzung entgegen bringen. Und ja – dass wir uns ihm unterordnen. Denn er ist ja unbestritten der Ranghöhere. Ist er nicht sogar der Ranghöchste unter allen Menschen überhaupt? Eben weil er Gott am nächsten steht! Ich finde: Wir tun gut daran, dass wir seine Weisungen beherzigen. Es dient zu unserem Besten, was er uns empfiehlt.

Und noch etwas: Ist es nicht eine besondere Aufwertung für dich und mich, dass wir ihm – dem Grössten unter allen Menschen – gehö¬ren? Damit bekommen wir ja Anteil an seiner Grösse! Bekommen Selbstbewusstsein und Würde! Wie aussergewöhnlich ist doch dieses Geschenk, wie herausragend ist diese Auszeichnung! Ich finde: Die Verbindung mit ihm – das ist die Krönung. Das ist der Quantensprung. Das ist das Glück des Lebens.

Bei Johannes im 10. Kapitel gibt es einen Satz, der dieses unwahrscheinliche Glück treffend zum Ausdruck bringt. Da sagt Jesus: „ Ich bin der gute Hirt: Ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich – wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne.“ (10, 14+15).

Das heisst doch: Jesus kennt seine Leute so gut, wie er seinen Vater kennt. Er ist mit seinen Leuten so vertraut, wie er mit dem Allerhöchsten vertraut ist. Mit anderen Worten: Er hat keine Geheim¬nisse vor ihnen. Mit ihnen teilt er alles, was er hat. Ja, er teilt mit ihnen sogar das Allerkostbarste, was er hat – seinen wunderbaren, ewigen, herrlichen Vater!

Der Sohn Gottes reser¬viert seinen Vater nicht für sich allein. Er öffnet seine Bezie¬hung, die er mit seinem Vater pflegt. Und zwar für wen? Für seine Leute. Also auch für dich und mich, die wir an ihn glauben. Du und ich, wir kommen mit hinein in seine göttliche Familie.

Damit kommt ein kameradschaftlicher, ja familiärer Zug in das Bild von Hirt und Herde hin-ein: Der gute Hirte ist unser Freund und Weggefährte. Und wir? Wir sind nicht nur seine Schaafe. Sondern auch seine Freundinnen und Freunde. Ja sogar seine Schwe¬stern und Brü-der! In seinem Umfeld, auf seinem Weideland bewegen wir uns frisch, fromm, fröhlich, frei.

Das heisst nicht, dass nun jeder herumtollen kann, wie es ihm beliebt. In der Herde dieses Hirten herrschen Ordnung und Klarheit. Keinesfalls wird jeder über denselben Kamm gescho¬ren. Da wird jeder so begleitet, angeleitet oder betreut, wie es nötig ist. Und zwar gerade nicht im Sinne einer bequemen Hängematte. Vielmehr wird jeder nach seinen Fähig-keiten und Mög¬lich¬kei¬ten gestärkt, gefördert und gefor¬dert. Und sicherlich auch getestet, geprüft und geläu¬tert. Dieses Verfahren klingt schon beim Propheten Hesekiel an (Kapitel 34,16+31):

„Die verlorenen gegangenen Tiere will ich suchen, die vertriebenen zurückbringen, die ver-letzten verbinden, die schwachen kräftigen, die fetten und starken behüten. Ich will ihr Hirt sein und für sie sorgen, wie es recht ist. Ihr seid die Schafe meiner Weide, spricht der HERR.“

Für den Monat Mai wünsche ich uns vertiefte Erfahrungen mit dem guten Hirten! Amen.

Andacht zum Sonntag 26. April

Liebe Gemeinde! Liebe Gasthörer und Mitleser aus nah und fern!

Wer gibt uns Hoffnung in der Krise?  Sind es die Ärzte? Die Wissenschaftler? Sind es dieje­ni­gen, die an den Schalthebeln der Macht sitzen? Wir nehmen an, dass das schon seinen Sinn hat, was sie sagen, emp­feh­len und anordnen. Dennoch nimmt die Unsicherheit zu. Daran kann kein Mensch etwas ändern, und sei er noch so klug und weise. Da braucht es schon noch eine andere Adresse. Und eine höhere Macht. Und die gibt es. Und es ist möglich, dass wir in Kontakt treten mit dieser höchsten Stelle. „Die auf den Herrn harren, die kriegen neue Kraft“, steht beim Propheten Jesaja geschrie­ben. Hier wird das Signal gegeben: Wende dich an die richtige Adresse! Wer auf den Schöpfer setzt, gewinnt Kraft und Klarheit.

In der Mundart gibt es das Zeitwort „plangen“. Unsere Kinder tun das: Sie „planget mängi Stund, bis de Samichlaus-Tag chunt“. Auch wir hoffen sehnlichst. Können es kaum erwarten. „Mir planget“ … Worauf? Dass die Enkel wieder ihre Grosseltern besuchen dürfen. Und um­gekehrt. Dass unsere Senioren wieder ins normale gemeinschaftliche Leben zurück­kehren können. Dass die Stätten geselligen Zusammenseins wieder ihre Pforten öffnen. Dass Handel und Wandel wieder in Gang kommen. Dass die Schule wieder läuft. Und dass es bald regnet.

Ohne eine solche Hoffnung geht es nicht. Das gilt für alle Lebenslagen. Und das gilt sogar für unser ewiges Schicksal. Man muss dieses Vertrauen ein­fach einmal wagen. Hört also auf, Trübsal zu blasen! Hockt nicht ängstlich und zu­sam­men­ge­drückt in eine Ecke, sondern blickt fröhlich und getrost nach vorn. Harren wir aus! Die Stun­de der Erlösung kommt. Denn wir wissen, auf wen wir hoffen, worauf wir „plangen“:  Das sind die höchsten und stärk­sten Person, die es gibt im Himmel und auf Erden. Das sind die mächtigsten Kräfte des gesam­ten Universums. Das ist unser Vater im Himmel. Und das ist sein Sohn Jesus, der von den Toten auferstanden ist. Und das ist der Heilige Geist, die unbändige Urkraft allen Lebens.

Mit solchen Kräften und Mächten im Rücken – da kann man ja gar nicht anders, als positiv zu denken. Blicken wir also über den Tellerrand! Schauen wir über den gewöhnlichen Horizont hin­aus. Das hängt mit dem Osterfest zusammen. Da wird der Hebel umgelegt: Vorwärts immer – rückwärts nimmer. Der Osterglaube öffnet viele Türen. Da werden ungeahnte Kräfte frei, die sich mitten unter uns ausbreiten, erfolgreich und nachhaltig.

Dieser Glaube hat etwas Starkes und Schönes an sich. Dieser Glaube ist vergleichbar mit dem Flug des Adlers. Sagt ebenfalls Jesaja. Was für ein königliches Tier ist das! Vor allem, wenn dieser Vogel hoch oben in den Lüften seine Kreise zieht, ruhig und kraftvoll, mit einem über­legenen­, hellen, klaren Überblick über das, was sich unten auf der Erde abspielt. In ähnlicher Weise be­wegt sich unser Glaube – ruhig und gelassen, mutig und kühn. Jedenfalls hoffe ich, dass wir einen solchen Glauben haben wollen – und ihn früher oder später auch wirklich finden. Wo ein Wille ist, da ist ein Weg. Des Menschen Wille ist sein Königreich.

Dieser dein Glaube gewinnt dann eine gute Übersicht und hat einen weiten Hori­zont. Du blickst zurück auf die Höhen und Tiefen deines Lebens – und lernst für die Zukunft. Dieser dein Glaube be­flü­­­gelt dich. Du bekommst neue Ideen in Richtung auf einsame Menschen. Mit ihnen trittst du in Ver­bin­dung. Über das Tele­fon. Über das Internet. Durch Briefe. Die gute alte Schnecken­post ist gar nicht so langsam. Schon am nächsten Tag erreicht sie ihr Ziel. Beson­ders für unsere Senio­rin­nen und Senio­ren in den Heimen ist es eine helle Freude, wenn sie eine Spruch­karte in Händen halten, mit Bild und persönlicher Widmung. Was also wünsche ich uns? Dass wir uns erheben über die Niederungen der Sorgen. Einen klaren Kopf bekommen. Und möglichst vielen Mitbürgern Anteil geben an dieser Zuver­sicht, Amen.

25) Mit wem wollt ihr mich vergleichen, dass ich ihm gleich wäre?, spricht der Heilige.

26) Blickt nach oben und seht: Wer hat diese geschaffen? Er, der ihr Heer abgezählt hervor­tre­ten lässt – sie alle ruft er mit Namen herbei. Wegen der Überfülle seiner Kraft, also weil er vor Kraft nur so strotzt, geht kein Einziger verloren.

27) Warum, Jakob, sagst du, und du, Israel, sprichst: Mein Weg ist dem HERRN ver­bor­gen, und mein Recht entgeht meinem Gott?

28) Hast du es nicht erkannt? Hast du es nicht gehört: Ein ewiger Gott ist der HERR, der die Enden der Erde geschaffen hat! Er ermattet nicht. Er wird nicht müde. Seine Einsicht ist unerforschlich.

29) Dem Ermatteten gibt er Kraft. Wo keine Kraft ist, gibt er grosse Stärke.

30) Junge Männer ermatten zwar und werden müde, und Männer straucheln unvermeidlich.

31) Die aber, die auf den HERRN harren, empfan­gen neue Kraft, wie Adlern wachsen ihnen Schwingen: Sie laufen und werden nicht müde, sie schreiten voran und ermatten nicht.

[Jesaja Kapitel 40 (frei nach der Zürcher Übersetzung)]

Andacht zum Sonntag 19. April

Als sie an Land gingen, sahen sie am Boden ein Kohlenfeuer und darauf Fisch und Brot. Jesus sagte zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt, … kommt her und esst! …. Und Jesus trat heran, nahm das Brot und gab es ihnen, dazu auch den Fisch.     [ Johannes 21,9-13]

Des Nachts sind etliche Männer auf See beim Fischen, aber erfolglos. Schlim­mer als der Misserfolg wiegt die Trauer, die sie gepackt hat wegen des Schicksals ihres Meisters: Er wurde hingerichtet. Das Leben ist grau in grau, kalt wie der Nebel im Wind.

Es naht der Morgen. Was sehen sie? Einen Silberstreif am Horizont? Zu­nächst nur seine Umrisse am Ufer. Danach sehen sie ihn immer heller und klarer: Den sie vermissten, der ist wieder da! Die miss­mu­tige Stimmung wandelt sich schlagartig. Nah am Ufer machen sie doch noch einen ordentlichen Fischfang. Der Meister ist ebenfalls nicht untätig geblieben. Ein Kohlen­feuer hat er entfacht. Fische brutzeln. Die Männergesellschaft trifft sich zu einer herz­haften Morgen­mahl­zeit. Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen.

Der Gastgeber ist geheimnisvoll – und ist doch kein anderer als Jesus von Na­za­reth. Der war tot – und wird trotzdem wiedergesehen, quick­leben­dig. Ja, dieser Mensch kann sich wieder rich­tig am Leben freuen. Kann wieder laufen und wandern, denken und sprechen, sehen und hören, riechen und schmecken, seinen Willen äussern, über seine Gefühle sprechen, am vol­len und ganzen Leben teilnehmen. Und vor allem: Er kann aufs neue essen und trinken. Er tut das mit Lust und Liebe zusammen mit seinen Freunden in fröhlicher Morgenstunde.

Dieser Auferstandene ist kein Geist. Er ist keine übersinnliche Erscheinung und auch kein Engel. Sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut. Der auf­erstandene Jesus fügt sich in die Gesetze der Biologie ein, obwohl er über diesen Naturgesetz­en steht: Er atmet, isst und trinkt, nimmt teil am Stoffwechsel und am Kreislauf der Natur. Er hat schon immer dazu­gehört und dabei bleibt es. Seinen Bezug zu dieser Welt hat er nie verloren, auch nicht durch den Tod. Unsere Welt wird nicht entwertet oder aufgelöst, im Gegenteil: Sie wird gefördert. Ihre Existenz ist nun garantiert. Durch seine Auferstehung wird die Natur geadelt und gesegnet, und unser aller Dasein wird gereinigt und bekräftigt.

An Ostern wird mit allen Sinnen gefeiert. Es herrscht eine wunder­bar gehobene Stim­mung. Eine tiefe innere Freude verbreitet sich im all­täglichen Betrieb, mitten in Haus, Hof und Gar­ten. Das Osterfest taucht unser Hier und Heute in ein frisches, warmes Licht, in dem wir uns bewegen wie eine Libelle, die im Sonnenlicht tanzt. Hier und heute bekommen wir einen Schub, der uns Stück um Stück voran­bringt, so dass wir uns von Stufe zu Stufe entwickeln. Durch Jesu Auferstehung bekommt Gottes Schöpfung einen neuen Schwung.

1   Die ganze Welt, Herr Jesu Christ,     in deiner Urkraft fröhlich ist. Halleluja! 4   Es singen jetzt die Vögel all,     jetzt singt und klingt die Nachtigall.
2   Das himmlisch Heer im Himmel singt,     die Christenheit auf Erden klingt. 5   Der Sonnenschein jetzt kommt herein     und gibt der Welt ein neuen Schein
3   Jetzt grünet, was nur grünen kann,     die Bäum zu blühen fangen an. 6   Die ganze Welt, Herr Jesu Christ,     in deiner Urkraft fröhlich ist. Halleluja!
             Lied 471 im Gesangbuch     Statt „Urkraft“ steht im Liedtext „Urständ“

Liebe Gemeinde,

das sind ja wirklich schöne Aussichten! Was ist das für eine anrührende Geschichte, die uns im Fischer-Städtli Diessenhofen sicherlich zusagt. Dennoch haben wir derzeit andere Sor­gen. In dieser Krise fällt vielen die Decke auf den Kopf. Geht es uns ähnlich wie jenen Männern im Schiff, in einsamer Fahrt unterwegs auf dem Strom des Lebens? Aber halt! Da ist einer, der am Ufer wartet. Der so ziemlich alle Höhen und Tiefen des Daseins mitgemacht hat. Auch jetzt, nach seinem grossen Durch­bruch in ein neues Dasein, schwebt er nicht über den Din­gen. Sondern mischt kräftig mit. Er ist sich nicht zu schade, einzutauchen in die Nie­de­run­gen des All­tags. Um unsere Langeweile und miss­mutige Stimmung weiss er. Keine see­li­sche Re­gung ist ihm unbekannt, so schwierig sie auch ist. In der Höhe und Tiefe, Weite und Breite unseres Le­bens ist er mit dabei, kennt jeden Punkt und jede Biegung des Weges.

Und er verstärkt unsere Bemühungen. Er begleitet uns beim Einkaufen, beim kleinen über­schau­baren Familienausflug, aber auch, wenn wir ganz allein sind. Ich glaube sagen zu kön­nen: Der auferstandene Jesus arbei­tet mit uns darauf hin, dass die Einsamkeit bald einmal durchbro­chen wird. Dass das normale Leben wiedereinsetzt. Weil er selber ein Liebhaber des normalen Lebens ist. Das hat er von seinem himmlischen Vater gelernt, der seine Menschenkinder und überhaupt seine ganze Schöpfung Schritt für Schritt begleitet.

Und vor allem: Beim Essen und Trinken ist der Auferstandene unsichtbar mit dabei. Das ist kein Zufall. Jesus hat schon immer ein besonderes Ver­hält­nis zu Gast­mäh­lern und norma­len Mahl­zeiten gehabt, besonders zu jenen feier­li­chen Zusammenkünften, aus denen sich dann das heilige Abendmahl entwickelt hat. In gros­ser festlicher Runde wie im kleinen vertrau­ten Kreis fühlt er sich gleichermassen wohl. Durch seine Anwesenheit sorgt er für eine ehren­volle Aufwertung und Würdi­gung unserer Gemeinschaft.

Ich wage jetzt einmal folgende Aussage mit aktuellem Bezug: Jesus kämpft mit uns an der Corona-Front – damit bald wieder Geselligkeit und festliche Freude Einzug halten. Damit dann wieder grössere Mahl­zeiten in Restaurants oder Festzelten möglich werden. Denn der Auferstandene ist ein Liebhaber des Lebens in seiner ganzen Bandbreite. Wie sehr freut er sich mit uns, wenn wir dann wieder in fröhlicher Runde zusammensitzen bei einem guten Glas Wein, einem gebratenen Fisch, einem spannenden Gespräch!

Das ist das Leben – so soll es sein, so muss es sein, jetzt und in der Zukunft. Die erzwun­gene Isolierung ist nur eine Pause, gewissermassen eine staatlich ver­ord­nete Fastenzeit. Und die ist nur be­grenz­t gültig. Danach hat die Sperre ein Ende. Und das Schöne daran ist: Jesus ar­beitet an der Aufhebung dieser Sperre mit. Sein Anliegen ist die Heilung der Welt. Deshalb macht er sogar die Grenze zwischen Himmel und Erde durchlässig. Wo immer er ist, da begegnen sich Himmel und Erde, dass Friede werde unter uns …

Herr Jesus Christus! Du hast einen grossen Schritt nach vorn gemacht. Womit? Durch deine Aufer­stehu­ng. Das ist ein gewaltiger Schub für die ganze Welt. Wie gern würden wir noch mehr davon spüren! Führe uns aus der Einsamkeit in die Gemeinschaft, aus der Dunkelheit ins Licht, aus der Unordnung in die Klarheit. Jesus, du bist einer von uns. Und doch kannst und weisst du weitaus mehr als wir. Das ist ja gerade der Grund, warum wir dir vertrauen! Dein Vorsprung an Erfahrung nützt uns in allen Lebenslagen.

Dank sei dir und deinem Vater dafür, Amen.

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Andacht zu Ostern

Diessenhofer Osterpredigt 2020

Petrus aber stand auf, eilte zum Grab und ging in das Grab hinein. Er sieht die Leinenbinden daliegen und das Schweisstuch, das auf Jesu Haupt gelegen hatte; es lag nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengerollt an einem Ort für sich. Und er ging nach Hause, voller Verwunderung über das, was geschehen war. 

Lukas 24,12 ǀ Johannes 20,6.7

Was für seltsame Tage sind das! Seit Kriegszeiten hat es ein solches Osterdatum nicht mehr gegeben. Was für ein eintöniges Einerlei ist das doch, worin wir gefangen sind …  Bietet das Fest wenig­stens etwas Ab­wechslung? Oder ist die Osterfreude ein Wundermittel, das wir ein­nehmen – und gleich geht es besser?

Vorsicht. Mit Wundern ist das so eine Sache. Lieber stehen wir auf der sicheren Seite. Verlassen uns auf etwas Handfestes. Also auf das, was man an­pa­cken und berech­nen kann. Selber rechnen wir uns wohl allermeist zu den Tatsa­chen­­menschen und haben ein sachli­ches Ver­hältnis zu den Dingen. Dagegen die Oster­berichte im neuen Testa­ment – sind sie nicht seltsam unwirklich? Fast zu schön, um wahr zu sein?

Und doch! Gibt es in diesen Berichten nicht ein gewisses Etwas, das aufhorchen lässt? Männer und Frauen pilgern an den Ort, da Jesus begraben wurde. Einer der ­Besucher will genau wissen, was los ist. Es ist Petrus. Auch er ist ein Tatsachen­mensch. Deshalb steigt er in das Felsen­grab hinein. Inspiziert den Innenraum. Und was sieht er? Nichts! Aber halt – war da nicht doch etwas? Genau! Die Lein­tücher, mit denen der Tote eingewickelt war: Hier auf dieser Seite liegen sie. Und auf der anderen Seite? Da ist das Schweisstuch, mit dem das Haupt des Toten verhüllt war. Alles ordent­lich zusam­men­gelegt. Alles fein und präzise zu­sam­mengerollt. Jedes Ding an seinem Platz. Wie es sein muss. Was für ein sauberes, klares Bild inmitten der ansonsten düsteren Grabeshöhle!

Petrus macht sich so seine Gedanken. Schon merkwürdig: Der Verstorbene ist ver­schwun­den. Aber irgend jemand hat offenbar in aller Seelenruhe und äusserst akkurat „das Bett gemacht“. Wer mag das gewesen sein? Ein Grabräuber? Kaum. Der hätte wohl nur ein wirres Gewühle hinterlassen. Und dann denkt Petrus das bisher Undenkbare: Ob schlussendlich der Verstor­bene selbst der Aufräumer im eigenen Grab gewesen ist? Ob Jesus, als er aus dem Tod erwachte und neue Leibeskräfte in sich spürte, selber diese Tex­ti­lien zusammen­faltete und ablegte, bevor er seine Ruhestätte verliess – im Aufbruch zu neuen Taten?

Je länger Petrus auf dem Heimweg nachdenkt, desto wahrscheinlicher erscheint ihm diese Erklä­rung. Denn dass Jesus im eigenen Grab für Ordnung sorgte – das passt zu seiner zu­pa­cken­­den Art. Schon während seiner beruflichen Karriere als Zimmer­mann und Bau­meister wurde das überdeut­lich. Auch später in seinen Wanderjahren kümmerte sich Jesus engagiert um die Details: Angefangen von der Sorge um das leibliche Wohl seiner Zuhörer, deren Zahl oft in die Tausende ging, über die generalstabsmässige Planung seines Einzugs in Jeru­salem an Palm­sonntag – bis hin zur Fürsorge für seine Mutter. Ihre Betreuung hat er mit letztem Einsatz organisiert. Und zwar im Zusammenhang mit seinem tragischen Ende am Kreuz.

Und wie schaut es nach seiner Auferstehung aus? Wenn nicht alles täuscht, geht es danach in derselben Weise weiter. Jesus hat alles auf dem Radar, denkt an alles, ange­fan­gen vom ordentlichen Verlassen seines Grabes bis hin zu den Fischen, die er brät am Ufer des Sees Genezareth. Hier lädt er seine Jünger zum Frühstück ein (Johannes 21,9-14). Kein Ding ist ihm unwesentlich. Was er anpackt, macht Sinn. Alles ist zweckmässig aufbereitet.

Was bedeutet das für uns an Ostern 2020? Dieses Fest hat eine wunderbare und ebenso praktische Seite. An Ostern wird das Tor zu unserer paradiesischen Zukunft aufgeschlossen. Ostern liefert aber auch den Schlüssel für unser Hier und Heute.

Denn hier und heute brauchen wir einen, „der mit uns geht, der´s Leben kennt, der mich versteht, der auch im Schweren zu mir steht, der in den dunklen Stunden mir verbunden, der mich zu allen Zeiten kann geleiten ….“ Und weiter heisst es in diesem Lied: „Sie nennen ihn den Herren Christ, der durch den Tod gegangen ist. Er will durch Leid und Freuden mich geleiten – ich möcht, dass er auch mit mir geht.“

Dieser Herr Christus weiss sehr wohl, dass wir – im Unterschied zu ihm – zunächst noch hier auf dieser Erde festsitzen. Dass wir hier und heute unse­ren Mann und unsere Frau stehen müssen. Deshalb ruft er uns zu: Seht her, ich habe den schlimmsten Feind besiegt, den es gibt – den Tod. Wenn ich das geschafft habe, werde ich doch auch mit euren Pro­ble­men fertig, die sich hier und heute auftürmen? Ich, der Auferstan­dene, bin mir ja nicht zu schade, mich selbst um Leintücher und Textilien zu kümmern. Umso mehr begleite ich euch in euren täglichen Abläufen: Wenn ihr aufsteht. Wenn ihr euch zum Frühstück hinsetzt. Wenn ihr an die Arbeit geht. Wenn ihr damit immer wieder viel zu früh fertig seid, weil es derzeit eben nicht viel Arbeit gibt. Ich bin bei euch, wenn ihr euch langweilt und euch die Decke auf den Kopf fällt. Ich bin bei euch, wenn ihr aufbrecht zu einsamen Spaziergängen. Und wenn ihr euch abends schlafen legt. Und vielleicht nicht einschlafen könnt …

Nichts ist zu gross – ich umfasse es, sagt der Auferstandene. Nichts ist zu klein – ich küm­mere mich darum. Wie ich das Leben in seiner ganzen Bandbreite durchschrit­ten habe, so bin ich bei euch in der Länge und Breite eurer Tage. Ja, ich kümmere mich um eure Einzel­heiten. Ja, ich mache euch Mut zum Frühjahrs­putz. Ja, ich helfe euch beim Auf­räumen und Ausmisten eurer Häuser, Kammern, Stuben, Estriche, Keller und Gärten.

Und vor allem: Ich schaffe Ordnung in euren Köpfen und Herzen. Ich gehe mit euch in die dunklen Ecken und Verstecke eures Lebens­hauses, wo noch viel Schmutz und Unrat herum­liegt. Ich helfe euch beim moralischen Saubermachen. Ich zeige euch die höhere Ordnung, die in der oberen Welt meines Vaters herrscht. Orientiert euch an diesem Vorbild! Dann bekommt ihr den Kopf frei. Ihr wollt doch Christen sein? Ihr heisst nach meinem Namen? Also führt ein geordnetes, zielgerich­tetes Leben, das meiner Auferstehung würdig ist.    Christ sein heisst klar sein!

Auf diese oder ähnliche Weise könnte Jesus Christus zu unseren Herzen und Gewissen sprechen an diesen Ostertagen. Und wir könnten vielleicht folgende Antwort finden im Gebet …

Herr Jesus Christus! Deine Auferstehung ist voller Geheimnisse und Wunder – und setzt ungeahnte Kräfte frei im Hier und Heute. Deine Auferstehungskräfte kommen uns besonders in diesen stillen Tagen und Wochen zugute. In dieser Stille hören, spüren und sehen wir mehr als sonst. Das schafft ungeahnte Freiräume. Wir bitten dich: Deine Auferstehung gebe uns den Mut, dass wir klar Schiff machen. Und unser Leben auf die Reihe kriegen. Du gehst mit gutem Beispiel voran. Dir folgen wir in einer möglichst hellen, klaren Gesinnung. Und in einer möglichst festen Haltung des Glaubens. Dann erreichen wir auch die höheren Ziele, zu denen du uns berufen hast. Danke für deine treue und sensible Wegbegleitung jeden Tag. Amen.

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Andacht zum Palmsonntag 2020

Täusche ich mich? Sehe ich recht oder nicht? Blicke ich nach draussen auf die Strassen im Städtli, kommt es mir vor, als sei jeder für sich selbst unterwegs. Ist es nicht so: Jeder erprobt seine eigene, auf sich selbst zugeschnittene Rolle? Ja, jeder sucht sich seine Route durch das Labyrinth des Daseins. Jeder bahnt sich seine ganz persönliche Strasse durch diese schwierigen Wochen. Und warum ist das so? Wir nehmen eine Auszeit vom normalen und geschäftigen Leben. Wir tun das nicht gerade gern. Sondern aus Einsicht in eine höhere Notwendigkeit. Also ob wir wollen oder nicht: Jeder ist mehr oder weniger auf sich gestellt, oder allenfalls auf seinen kleinsten Familienkreis beschränkt. Und jeder einzelne hofft, dass er schlussendlich an ein gutes Ziel kommt. Wenn es dann soweit ist, freuen wir uns umso lebendiger, umso kraftvoller – und vor allem: Wir tun das dann zusammen!

Noch ist nicht soweit. Noch sind wir zwar nicht eingesperrt in die eigenen vier Wände, aber doch gebunden und gefesselt an unsere einsamen Wege. Noch müssen wir diesen Druck und diese Spannung ertragen. Die meisten von uns verhalten sich so besonnen, so gut es irgend geht. Freilich, manch einem fällt fast schon die Decke auf den Kopf. Besonders unsere älteren Mitbürgerinnen und Mitbürger haben es unendlich schwer. Für sie bedeuten diese Tage und Wochen eine grosse, kraftraubende Anstrengung.

Uns allen wünsche ich, dass wir diese Herausforderung bestehen. Uns allen wünsche ich, dass wir die soziale Trennung durchhalten, so gut es geht und solange es nötig ist. Uns allen wünsche ich, dass wir die einsamen Wege – wenn wir sie schon gehen müssen – dann auch innerlich bejahen. Genau wie Jesus von Nazareth es getan hat. Oft war er mehr oder weniger allein, musste er sich selbst seinen Weg bahnen, abgetrennt vom Strom des pulsierenden Lebens. Dann zog er sich zurück auf einsame Berge. Oder in die Steppen und Wüsten. Da war er dann allein mit seinem Gott und Vater, den er auch in der grössten Stille nie aus den Augen verlor.

Dann wieder hat Jesus das Bad in der Menge gesucht. Das war auf dem Höhepunkt seines Wirkens. Da hat er sich aufgemacht und ist in die Hauptstadt geritten auf einem Esel. Dabei hat er eine uralte Prophezeiung erfüllt. Eine unübersehbar grosse Schar, jede Menge Kinder und Erwachsene, hat ihn willkommen geheissen mit Jubelrufen, mit blühenden Blumen, mit Palmzweigen, mit ausgestreutem Grünzeug auf dem Weg. Sogar die Kleider haben sich die Leute vom Leibe gerissen und damit die Strasse gepflastert, auf der der Meister in die Hauptstadt eingezogen ist. Sie haben ihm damit gleichsam den roten Teppich ausgerollt. Was für ein Jubel, was für ein Lobgesang, was für eine hohe, helle Freude hat sich Bahn gebrochen mit überwältigender Macht! (vergleiche Evangelium nach Lukas Kapitel 19,28-38)

So ist es geschehen am historischen Palmsonntag vor bald 2000 Jahren in Jerusalem. Das ist der Tag, den wir jedes Jahr im Frühling feiern. Wir tun es an diesem Wochenende. Und dieses Jahr tun wir es in der Stille. Zugleich wünschen wir uns nichts sehnlicher, als dass diese Stille bald einmal durchbrochen wird von einem lebendigen, quirligen Miteinander. Wie schön wäre es, wenn wir nach unserer mühevollen Pilgerreise durch die Einsamkeit wieder einen gemeinsamen Weg finden! Einen fröhlichen Ausflug ins Grüne machen. Mitfiebern bei einer Sportveranstaltung. Ein Konzert besuchen. In einem gemütlichen Restaurant Platz nehmen. Einen runden Geburtstag feiern im grossen Kreis. Einen festlichen Gottes¬dienst mit der ganzen Familie erleben inmitten einer feiernden Menge … Wenn das an diesem Wochen¬ende geschehen könnte – was wäre das für ein Palmsonntag, an Glanz und Pracht kaum zu überbieten! Ein solches Datum würden wir unser Lebtag nicht vergessen.

Noch ist es allerdings nicht so weit. Selbst für die Ostertage ist mit einer Entspannung nicht zu rechnen. Deshalb bitte ich inständig: Verlieren wir die Hoffnung nicht! Halten wir die Augen offen! Jesus hat seine Augen ebenfalls offen gehalten. Als er auf einsamen Bergen, in glühender Wüste, in düsterer Steppe allein war mit sich selbst und mit seinem Gott – was hat er da getan? Da hat er Ausschau gehalten nach einem Ausgang aus der persönlichen Not, die ihn mit voller Wucht getroffen hatte. Und mitten in der tiefsten Stille tat sich für ihn ein kleines Fenster auf.

Mir fällt dazu ein Lied von Paul Gerhardt ein. Es steht unter der Nr. 683 im Gesangbuch:

Gib dich zufrieden und sei stille

in dem Gott deines Lebens.

In ihm ruht aller Freuden Fülle,

ohne ihn mühst du dich vergebens.

Er ist dein Quell und deine Sonne,

strahlt täglich hell zu deiner Wonne.

Gib dich zufrieden.

Wenn gar kein Einziger mehr ist auf Erden,

dessen Treue du darfst trauen,

alsdann will er dein Treuester werden

und zu deinem Besten schauen.

Er weiss dein Leid und heimlich Grämen,

auch weiss er Zeit, dir´s abzunehmen.

Gib dich zufrieden.

Mein Vorschlag: Dass wir an diesem stillen Palmsonntag ein kleines Fenster aufmachen. Auch die kleinste Hoffnung erfüllt uns mit innerlichen Lebenskräften. Nehmen wir uns ein Beispiel an Jesus: Seine zunächst nur kleine Hoffnung ist zunehmend gewachsen. Sie hat sich enorm gesteigert. Die uralte Verheissung des Propheten hat sich buchstäblich erfüllt. Nach wie vielen Mühen und Plagen durfte Jesus schliesslich doch seinen grossen Tag erleben – und in der Hauptstadt triumphierend Einzug halten als König der Herzen!

Diese ganz grosse Freude – noch vermissen wir sie. Noch ist sie nicht da. Aber vielleicht erhaschen wir einen kleinen Funken von dem grossen Feuer der Hoffnung, das Jesus an diesem Palmsonntag entzündet? Das wünsche ich uns! Und damit unser Hoffnungsfunke so richtig zu glühen anfängt, könnten wir folgendes tun: Auf einem Bogen Papier Palmzweige malen. Und farbige Blumen. Und bunte Tep¬piche. Zu Ehren unseres Heilandes fertigen wir diese Zeichnung an. Und darunter schreiben wir:

„Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn.
Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!“ Lukas 19,38

Lieber Herr Jesus Christus! Noch drückt uns stiller Tage schwere Last. Noch fühlen wir uns beengt, ja gestresst durch die erzwungene Einsamkeit, in die wir gestellt sind durch höhere Gewalt. Noch muss jeder von uns seinen eigenen einsamen Weg mühsam erkämpfen. Dennoch öffnen wir jetzt das Fenster zur Zukunft. Und riechen schon den Duft des Frühlings! Wir fühlen die Kraftströme des neuen Lebens, die du mitten in der Stille bereitstellst an diesem Palmsonntag. Segne uns mit der Kraft deiner Hoffnung, mit der Liebe deines himmlischen Vaters, mit der Zuversicht deiner heilsamen Gedanken, jetzt und allezeit und in Ewigkeit, Amen.

Gottesdienst am 20.01.2019 über die Taufe des Kämmerers

1                Ein besonderes Element

Eiseskälte und Schlittschuhfahren erlebte ich gestern mit meiner Tochter Emma auf der Eisbahn in Schaffhausen. Und jetzt vorhin hörten und sahen wir von Christoph Zinsstag den Bildbericht über Äthiopien.

Übrigens, heute vormittag sind in Addis Abeba 21°. Was ist dort los? Ist dort der ewige Frühling angebrochen? Was sind das für Gegensätze zwischen Eis und Heiss! Alpine Kälte bei uns und angenehme Wärme in Ostafrika. Oder ist es zur Zeit gar eine tropische Hitze dort?

Was verbindet uns über extreme klimatische Gegensätze hinweg? Es ist ein Naturprodukt. Dieses Element gibt es überall, in welcher Form auch immer, sei es in Form von Schnee oder Eis. Sei es in Form eines tropischen Regens.

Es ist das Wasser.

Überall wird es gebraucht. Bei uns in wintersportbegeisterten Alpen­ländern genau wie am Horn von Afrika. Bei uns am Untersee und Rhein ebenso wie im Hochland von Äthiopien.

Von diesem Naturelement hörten wir in der Lesung. Im Äthiopienbericht war ebenso davon die Rede. Fragen wir genauer: Von welchem Wasser war da die Rede?

Es fliesst am Jordan. Es wird vom Täufer Johannes verwendet, als er den Heiland tauft. Und auch bei uns wird es verwendet im Gottesdienst. Bei uns in der Stadtkirche erfüllt Taufwasser eine wichtige Aufgabe, übrigens ebenso wie in den Kirchen Äthiopien. Vielleicht spielt es dort noch eine grössere Rolle?

2                Der Kämmerer

Begeisterung wird in Äthiopien geweckt bis auf den heutigen Tag über dieses urwüchsige, mächtige Naturelement. Da gibt es eine heilige Erzählung mit einer heiligen Wasser-Hand­lung. Dieser Bericht hat Auswirkungen bis auf heute.

Ein Afrikaner, ein hochgestellter Mann, wir würden heute sagen: Ein Bundesrat. Der Leiter des Finanzdepartements. Dieser Mann ist in Jerusalem und macht dort eine seltsame Erfahrung mit dem Tempel und mit einer Schriftrolle.

Nun ist er auf Heimweg. Seine gut gefederte Kutsche bewegt sich langsam. Vor der Mittagssonne ist er geschützt durch einen Baldachin. Äusserlich gesehen, hat es gemütlich. Innerlich aber ist er in Unruhe. Er liest in einer heiligen Schriftrolle, die er im Tempel erworben hat. Hören wir, was dann geschieht:

„Nun war da ein Äthiopier, ein Kämmerer, Hofbeamter der Kandake, der Königin der Äthiopier, der ihren ganzen Schatz verwaltete. Dieser war nach Jerusalem gekommen, um Gott anzubeten, und fuhr jetzt heimwärts. Er saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja. Und der Geist sagte zu Philippus: Geh und folge diesem Wagen.

Philippus lief hin und hörte ihn den Propheten Jesaja lesen. Da sagte er: Verstehst du auch, was du liest? Jener antwortete: Wie könnte ich es, wenn mich niemand anleitet? Und er bat den Philippus, einzusteigen und neben ihm Platz zu nehmen …

… Da begann Philippus zu reden und ausgehend von diesem Schriftwort verkündete er ihm das Evangelium von Jesus. Als sie nun weiterzogen, kamen sie zu einer Wasserstelle. Da sagte der Kämmerer: Hier ist Wasser. Was steht meiner Taufe noch im Weg?

Er liess den Wagen halten und beide, Philippus und der Kämmerer, stiegen in das Wasser hinab und er taufte ihn. Als sie aber aus dem Wasser stiegen, entführte der Geist des Herrn den Philippus. Der Kämmerer sah ihn nicht mehr und er zog voll Freude weiter.“

Apostelgeschichte 8,27–39

3                Wertschätzung der Taufe

Ein Ereignis mit weitreichenden Folgen: Bis heute wird dieser Finanzbeamte in Äthiopien verehrt als derjenige, der die Freude und die Taufe und überhaupt das Christentum nach Ostafrika brachte.

Bis heute wird afrikanische Taufbegeisterung überdeutlich, wenn äthiopische Männer, Frauen, Kinder diesen Tag feiern. Den Tag der Taufe. Welche Taufe? Die Taufe von Jesus. Und damit die Taufe aller Völker, wie es im Taufbefehl des Herrn vorausgesagt ist.

In Äthiopien heisst dieses Tauffest Timket (zu deutsch: Erscheinung). Es findet gestern und heute, am 19. und 20. Januar, statt.

Dann geht die Post ab, das sage ich euch! Heilige Tafeln werden von den Altären der Kirchen ans Wasser geschleppt. Am Ufer wird eine Taufzeremonie nachgespielt mit Tausenden von Menschen.  Die Menschen sind geradezu verrückt nach dem Taufwasser, nehmen es nach Hause in Kübeln und Gefässen, weil dieses Wasser eine segensreiche Wirkung für Haus und Hof und Gesundheit entfalten soll. Jedes Jahr wird deshalb die Taufe neu zelebriert.

Können wir uns davon eine Scheibe ab­schneiden? Was lernen wir von unseren äthiopischen Schwestern und Brüdern? Genau das: Ihre Wertschätzung der Taufe. Das wird uns zum Vorbild.

Warum? Wegen der Gleichheit überall auf der Welt. Wenn wir getauft werden, sind wir alle gleich, egal wo wir wohnen und welche Herkunft wir haben. Die Taufe ist so einfach, so unkompliziert. Da braucht es keine Umwege und Klimmzüge, auch keine finanziellen Ausgaben oder standesgemäße, großbürgerlich Regeln, um dieses Fest auszurichten und zu erleben.

Taufe ist überall und jederzeit möglich. Denn Wasser gibt es überall. Und den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes rufen wir überall auf der Welt an.

Das verbindet weltweit. Die Taufe fügt uns zusammen. Sie integriert die  Welt­ge­mein­schaft … in Ost und West und Nord und Süd. Weiss und schwarz und rot und braun und gelb. Männer und Frauen und Kinder. Arm und reich und hoch und niedrig.

Die Taufe bringt also die Globalisierung voran. Ausnahmsweise hat dieses Wort mal einen positiven Klang … Das ist ein lebendiges Hinüber und Herüber. Wir lernen von  ihnen, sie lernen von  uns. Das ist eine gegenseitige Wertschätzung. Da gibt es Besuche hinüber und herüber zwischen der Schweiz und Ostafrike. Gegenseitig gleichen wir unsere Defizite aus. Das haben sie und wir auch sehr nötig.

4                Unsere Probleme

Bei uns liegt manches im Argen, finde ich. Geht es nur mir so? Ist das auch Ihre und Eure Erfahrung?

Unser religiöses und kirchliches Leben im Städtli ist ordent­lich. Aber nicht gerade tiefgründig. Nicht gerade intensiv. Nicht gerade stark und dynamisch. Und hat viel zu wenig Ausstrahlung.

Spüren wir Freude am Glauben? Empfinden wir Begeisterung über Gott und Jesus?  Unser geistliches und kirchliches Leben ist verbesserungs­bedürftig. Da gibt es viele Baustellen.

Hier lernen wir von aussen – von ihnen, die in Äthiopien wohnen.

Hier empfangen wir Hilfe von aussen – von ihnen.  Hier spüren wir Impulse – von ihnen.

Von ihnen lernen wir, was uns mitreisst, was uns in unserer Liebe zu Gott, zu Jesus, zur Kirche wirklich nach vorn bringt: Die Taufe. Die Erinnerung daran.

Denken wir einmal genau darüber nach und lernen wir von ihnen! Damit wir unsere Taufe hereinholen ins tägliche Leben. Damit wir unsere Taufe Tag für Tag präsent haben vor unserem geistigen Auge.

Wir versuchen es ja hier in der Stadtkirche durch dieses Wandsymbol, welches die Wellen des Rhein darstellen soll, in die die Fischlein der neugetauften Gemeindeglieder eintauchen und daraus wieder auftauchen.

Es ist ein kleiner, aber wichtiger Anfang, damit die Taufe bei uns den Stellenwert bekommt, der ihr nach Gottes Willen zusteht.

5                Ihre Probleme

Was aber fehlt ihnen, die in Äthiopien leben? Vielleicht haben wir es? Vielleicht können wir mit etwas dienen? Sie haben zu wenig berufliche und fachliche Kenntnisse. Ihr Land ist – äusserlich und materiell gesehen – noch nicht so entwickelt.

Da lernen sie von uns. Da empfangen sie von uns Hilfe. Hilfe zur Selbsthilfe, Anstösse und Anregungen, und auch finanzielle Anschübe.

6                Austausch und Ausblick

Wechselseitig ist es ein Ausgleich in geistlicher und materieller Hinsicht:

Sie teilen uns ihren geistlichen Reichtum und ihr überfliessend schönes Brauchtum mit.

Und wir teilen unseren beruflichen Fer­tig­keiten mit und geben einen finanziellen Anschub, damit dort eine Entwicklung in Gang gebracht wird in Erziehung und Wirtschaft.

Was wir haben, geben wir. Was sie haben, geben sie.

Und dann treffen wir uns im Zeichen des Regenbogens, der vorgestern abend riesengross über unserem Städtli zu sehen war.

Und dann wird Friede zwischen uns und ihnen, also Selam, wie man auf äthiopisch dazu sagt, Friede und Begegnung zwischen unseren Völkern und Kulturen im Zeichen der Taufe.

Wir erfüllen dann alle miteinander den Taufbefehl, den unser Herr Jesus Christus ausgesprochen hat am Schluss des Matthäusevangeliums Kapitel 28, Verse 18 bis 20:

„Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.

Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker, taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.

Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

Amen

 

Predigt vom 6.1.2019 – König der Herzen

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Predigt zum 06.01.2019 102.40 KB 0 downloads

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Und siehe, der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, da das Kindlein war.

Matthäus 2,9

1                Weisheit des Ostens

Beladen mit Schätzen des Orients sind sie unterwegs: Weisheits­lehrer mit einer mäch­tigen, geradezu königlichen Aus­strah­lung, und ausgestattet mit ausserordentlichen Vollmachten.

Woher kommen sie? Aus dem Osten. Also aus Persien, jener uralten Grossmacht, die gerade erst zu neuer Blüte aufgestiegen ist? Aus dem Zweistrom­land, wo die Stern­kunde hoch im Kurs stand? Oder von noch weiter östlich, aus Indien, dem Land der Dichter und Denker?

Und welche Religion bringen sie mit? Kamen sie aus Persien, verehrten sie den Lichtgott, waren vermutlich dessen Feuer­priester. Stammten sie aus Indien, glaubten sie an den Kreislauf der Wiedergeburten und den schlussendlichen Eingang in die Vollendung.

Zugleich haben sie bestimmt schon Sympathien für den einen Gott entwickelt, den Schöpfer Himmels und der Erden, der in Israel angebetet wird.

2                Welche Ausmaße !

Woche um Woche zieht ihre Karawane west­wärts durch die arabische Wüste. Meist sind sie bis spät in den Abend unterwegs. Ein wun­der­bares Himmelslicht leitet sie in eine bestimmte Richtung. Dorthin, wo eine bemerkenswerte Geburt stattgefunden hat.

­Was vermag das neugeborene Kind? Welche Kräfte sind in ihm wirksam? Sogar Him­mels­körper – Fixsterne und Planeten, ganze Galaxien – sind ihm dienstbar und gehorchen ihm. Dieses Kind bringt himmlische Kräfte und irdische Mächte zu­sam­men. Es vereinigt Ost und West, Nord und Süd. In ihm sind göttliche Energien wirksam.

Wird dieses Kind ein Herrscher wie Kyros der Grosse? Wie Alexander der Grosse? Wie Kaiser Augustus? Die ha­ben bereits begonnen, die Welt zu einer Einheit zusammenzufügen. Wird der neugeborene König ihr Werk vollenden? Das kann doch eigentlich nur Gottes Sohn tun!

3                Noch Fragen ?

Jene Forscher kamen aus asiatischen Hochkulturen. Wir kom­­men aus einem europäischen Kul­turland: vom Hoch­rhein und Untersee, und bewegen uns in der modernen Lebenswelt. In unseren Häusern haben wir uns wohnlich eingerichtet.

Ob wir uns dennoch auf den Weg machen wie jene Männer? Wo liegt das Land unserer Träume, das uns heilig ist? Wer ist der König, den wir suchen und zu dem wir aufschauen? Den wir ehren mit unseren Geschenken, Gebeten, Liedern, mit unserem ganzen Leben?

Oder ist uns das, was hier berichtet wird, zu hoch? zu schwer? zu herrschaftlich? Wir leben in der Schweiz, also seit Jahr­hunderten ohne Fürsten und Monarchen. Weise aus dem  Mor­gen­land lassen wir uns noch gefallen. Aber dass das könig­liche Fi­gu­ren sein sollen, die dem ober­sten Herrscher hul­digen? Welche Vorstellungen von Autorität kommen hier zum Vor­schein?

Wirkt das nicht befremdlich, fast unheimlich auf unser behaglich-bürgerliches Lebensgefühl?

4                Der Gang der Entwicklung

Jene klugen, aufgeklärten, überaus vernünftigen Männer hatten anfangs bestimmt auch ihre Zweifel und bequemen Ausreden. Aber die haben sie jetzt überwunden. Jetzt lassen sie sich nicht mehr beirren bei ihrer Suche nach gerechter und welt­weit gültiger Herrschaft. Sie rechnen fest mit einem baldigen Machtantritt des Friedenskönigs. So schnell wie möglich wollen sie sich ihm erkenntlich zeigen.

Sie finden und beschenken den Neugebo­re­nen in der Stadt Bethlehem. Von ihm erwarteten sie, dass er eines Tages zum wohltätigen Herrscher aller Völker aufstei­gen werde. Ganz so, wie es in uralten Prophe­zei­ungen vorausgesagt ist – nicht nur in der jüdischen Bibel, sondern auch in den heiligen Überlieferungen ihrer angestammten Religion.

Mit diesem ge­wal­ti­gen Entwick­lungs­schub rechnen sie – obwohl sie den Heiland der Welt vorläufig „nur“ als Kind bescheidener Eltern erleben. Die einfache Umgebung dieser Familie macht ihnen nichts aus. Denn sie spüren die grossartige Atmosphäre, die vom Kind in der Krippe ausgeht. Und darauf bauen und vertrauen sie.

5               Aufschwung trotz Bedenken

Sie sahen ihn. Hörten sein freudi­ges Geschrei. Betasteten seine Händchen und Füsschen.

Und wir? Sehen tun wir ihn nicht, geschweige denn betasten. Ist er überhaupt noch am Le­ben? Er endete ja tragisch am Kreuz. Ist seine Geschichte nicht längst vorbei?

Aber halt! Ir­gend­wo muss er doch sein! Er kann sich ja nicht in Luft aufgelöst haben. Ich bin über­zeugt: Im Verborgenen geschieht einiges an ihm. Und mit ihm. Und durch ihn.

Gut Ding will Weile haben. Gründlich bereitet er sich vor. Worauf? Auf einen neuen Einsatz. Der Tag rückt näher, an dem er sein Ziel erreicht. Das ist der Tag, an dem er wieder­kommt auf unseren Planeten. Das ist der Tag, an dem er endgültig zu welt­be­stim­mender Grösse auf­steigt. Dann ist er der sichtbare Mittel­punkt einer neuen, heiligen Welt­ordnung.

6                Der innere Weg

Hohe Worte! Was steckt dahinter? Ganz überzeugt sind wir immer noch nicht. Wir müssten ihn hier und heute spüren. Und zwar deutlich.

Mein Vorschlag: Höre einmal genau hin. Mache eine Reise in dein Inneres und lausche! Vernimmst du Signale? Findest du deinen inneren Leitstern? Deinen inneren Kompass?

Du findest Jesus im Grunde deines Herzens. In der Tiefe deiner Seele. In den Wegen deiner Gedanken. In den Regungen deines Gewissens. Dort wartet er auf dich. Dort begegnet er dir. Dort stellt er dich vor die Entscheidung.

Im Klang deines Herzens hörst du die Stimme deines Königs. Diese Stimme kommt nicht von oben herab, sondern ist dir vertraut. Und sie kommt dir immer näher.

7                Begrüssungsgeschenk

Genau wie er diese Begegnung gründlich vorbereitet, tun auch wir es. Dass wir ja nicht mit leeren Händen erscheinen! Es muss ja nicht gleich Gold sein, auch nicht unbedingt Balsam oder Weihrauch oder ein wertvolles Gewürz. Das alles wurde ihm schon überreicht.

Wir hingegen entwickeln einen besonderen Ehrgeiz. Wir bringen etwas, woran vielleicht noch kaum einer gedacht hat. Wir schenken ihm unser Herz! Das ist wertvoller als alles Gold dieser Welt. Das ist etwas Persönliches. Das ist das Beste, was wir haben.

Legen wir unser ganzes Leben mit allen Höhen und Tiefen vertrauensvoll in seine Hände. Er ist der neugeborene König und künftige Weltenherrscher. Bei ihm sind wir auf der sicheren Seite. Was kann uns noch passieren?

8                Mächtiges Wohlgefühl

Du und ich, wir sind ja nicht allein in seiner Nähe. Da gibt es noch viele, viele andere. Er wird ver­ehrt von vielen klugen Männern und Frauen aus aller Welt, und dazu von un­zähligen ein­fachen und beschei­denen Leuten. Diese riesengrosse Gemeinschaft trägt und hebt. Sie macht uns alle stark. Denn wir alle sitzen im gleichen Boot, das nicht sinken kann.

Es gab eine Zeit als Schüler und Student, da bekam ich Zweifel an der Wahrheit des Chri­sten­tums. Aber dann sagte ich mir: Was für einer grossartigen Glaubensgemeinschaft gehörst du doch an! Deine Familie glaubt daran. Deine Lehrer, Freunde und Vorbilder glauben daran. Deine Vorfahren haben fest daran geglaubt. Millionen – nein, was sage ich – Milliarden Men­schen glauben daran. Als weltweite Gemeinschaft bilden wir ein unzerreiss­bares Band. Es ist unmöglich, dass wir alle miteinander in die Irre gehen.

Solche Gedanken haben meine Zweifel mit der Zeit über­wunden. Ich bekam neue Zuversicht und lernte, meinen Glauben selbstbewusst zu leben. Immer mehr wurde mir bewusst:

Die Bewegung, die durch jenes Kind ins Leben ge­ru­fen wurde, hat im Lauf der Jahr­hun­der­te und Jahrtausende alle anderen Religionen über­flügelt. Das Christentum ist inzwischen die zahlenmässig grösste Glaubensgemeinschaft der Welt. Das sei in aller Bescheiden­heit gesagt.

Damit ist nicht gesagt, dass andere Religionen nichts wert sind. Im Gegenteil. Sie be­inhal­ten hohe Gedanken, ehrwürdige Gefühle, wertvolle Weisheiten, die allesamt im Christentum zur Vollendung kommen. Die Weisen aus dem Morgenland sind der beste Beweis dafür: Sie bringen ihren angestammten Glauben zur Krippe von Bethlehem. Unter dem unwider­steh­lichen Einfluss von Jesus wird ihr heidni­sches Denken umgeformt, verwandelt und veredelt.

Was für ein wunderbar mitreissendes Gefühl löst das aus! Was für eine Begeisterung! Was für einen Gemein­schafts­geist! Es geht um die stärkste und wichtigste und bedeu­tend­ste Persön­lich­keit der Welt­ge­schic­h­te: Um das Kind in der Krippe, den Mann am Kreuz, den Held von Ostern. Er ist es wert, dass wir uns ihm unter­ordnen mit allen unseren Gedanken, Wünschen und Vorstellungen. Denn er ist der Mann der Zukunft.

9                Segenswunsch

Was ist also mein Wunsch für dieses neue Jahr? Dass wir die Strasse nach drinnen finden. Und diese Strasse auch wirklich gehen.

Dort fällt es dir leichter zu gehorchen. Dort auf dieser Strasse findest du deinen Meister. Die grösste Autorität der Welt­ge­schic­h­te flüstert dir in deinem Herzen fein und zart den göttlichen Willen zu.

Und dadurch lernst du glauben. Dadurch wirst du immer selbstbewusster in deinem Glauben.

Sollte angesichts solcher Möglichkeiten jemand von uns im Abseits bleiben? Das geht doch einfach nicht! Wer kann hier widerstehen?

Also nichts wie hin, Augen und Ohren aufgemacht! Und dann bist du hin und weg vor Begeisterung. Den König der Herzen hat du gefunden, den Meister deines Lebens, Amen.