Predigten aus der Advents- und Weihnachtszeit

I Die neue Eva

1 Im Mittelpunkt dieses Geburtsfestes stehen der Heiland und seine Mutter. Er wird geboren, um die Menschheit zu retten, und ist zweifelsohne die Hauptper-son. Aber ohne seine Mutter hätte er nicht aktiv werden können. Ohne sie wäre er gar nicht auf der Welt. Indem sie ihn zur Welt bringt, wird das verschlossene Tor aufgebrochen. Das war bislang verriegelt wegen tragischer Fehltritte, die sich seit Urzeiten fortsetzten von Generation zu Generation. Diese Blockade wird jetzt aufgebrochen. Maria ist die neue Eva, die den Fehler der Stammmutter mehr als ausgleicht.

2 Maria ist eine von uns, eine Frau wie Millionen andere. Und doch ist sie ausser-gewöhnlich. Ist sie besonders begabt oder göttlich auserwählt? Was auffällt: Sie muss weder charakterlich geschliffen noch moralisch veredelt werden, um mitzu-schaffen an dem grossen Werk. Sie muss auch nicht selber erst erlöst werden, um den Erlöser zur Welt zu bringen. Sie ist einfach da, um zu tun, was getan werden muss. Zu diesem Dienst beruft sie der Erzengel und befähigt sie der Heilige Geist.

3 Maria handelt nicht so sehr durch das, was sie tut, als vielmehr dadurch, was sie mit sich und an sich geschehen lässt. Ihren jungfräulichen Körper stellt sie gleich-sam als Gefäss zur Verfügung. Gern lässt sie es zu, dass diese Schwangerschaft beginnt, und trägt dieses Kind aus. Die bedeutendste Geburt der Weltgeschichte bringt sie auf diese Weise zustande.

4 Dieses Werk tut sie nicht für sich oder ihre Familie, sondern für den Besten, Stärk-sten, Gütigsten und Grossmütigsten, den es gibt im Himmel und auf Erden – für den ewigen Vater ihres Sohnes.

II Die beiden Testamente

5 Indem Maria auf diese Weise handelt, passiert etwas grundsätzlich Neues in der Geschichte ihres Volkes. Im Judentum gab es ein fein ausbalanciertes Regelwerk, verwaltet von kundigen Gesetzeslehrern. Sie überwachten die Religionsausübung fürsorglich streng und gleichsam bürokratisch. Das entsprach der bewährten Ord-nung der fünf Bücher Mose und der mitunter etwas trockenen, langatmigen, aber durchaus stabilen Lebenswelt des alten Testaments.

6 Als Erziehungs- und Lernvorgang war jene über tausendjährige Epoche von Mose bis zu den Makkabäern mehr als notwendig. Nun aber ist die Zeit der Unmündig-keit zu Ende. Nun kommt die Wende zur Selbständigkeit. Nun ist es Zeit für eine Frömmigkeit, die nicht mehr beruht auf autoritären Vorgaben, sondern auf der selbstbestimmten Entscheidung des Einzelnen: Ja, ich will den neuen Weg gehen!

7 Eine frische, dynamische Glaubensbewegung entwickelt sich aus dem Judentum heraus. Hierbei spielt Maria eine hervorragende Rolle. Was für eine schöpferische Zeit ist angebrochen! Gottes Gnade wird ausgeschüttet auf Israel und alle Völker. Die neue Zeit entfaltet und vereint die besten Energien von Männern wie von Frauen. Und diese neue Ära wird bezeichnenderweise von einer Frau eingeläutet: Die neue Eva eröffnet das neue Testament.

8 Von Maria ist der Satz überliefert: «Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder …» (Lukas 1,48). Hat sie vorausgeahnt, was aus ihr und ihrem Sohn werden wird? Im Lauf zweier Jahrtausende Kirchengeschichte wurde sie zur Sympathieträgerin und Vorzeigefigur, die wir Christen nicht ohne Stolz anderen Gruppen und Religionen präsentieren. Zumal Maria im Islam sowieso eine her-vorragende Stellung einnimmt.

9 Ist Maria also eine Lichtgestalt der ganzen Welt? Was wäre, wenn sie heute auf-träte, womöglich als Mischung aus Mutter Theresa und Greta Thunberg? Würden wir sie verehren als Dichterin, Frauenrechtlerin, Lebensschützerin? Eins ist sicher: Für ihr umstürzlerisches und zugleich friedensschaffendes Lied, genannt «Magnifi-cat», bekäme sie den Nobelpreis. Dieses Gedicht hat sich im Lauf zweier Jahrtau-sende zu einem absoluten Renner entwickelt. Von allen religiösen Texten rund um den Globus wird es wohl am meisten gesungen, gespielt, gebetet. Würde man es in den Charts notieren, stünde es ganz oben.

III Kleiner Anfang und große Steigerung

10 Äusserlich betrachtet, ist es bescheiden und überschaubar, was mit Maria geschah. Umso grösser sind die Auswirkungen. Ihr Lebenswerk geht schon vierzig Tage nach der Geburt ihres Sohnes in eine dramatische Richtung. Maria und Josef bringen den Neugeborenen in den Jerusalemer Tempel. Dabei treffen sie den alten Propheten Simeon. Dieser sagt Maria voraus, einst werde ein Schwert durch ihre Seele dringen. Ihr Sohn sei «gesetzt zum Fall und zum Aufstehen für viele in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird» (Lukas 2,34.35).

11 Wie ist diesen Satz zu verstehen? Nicht alles, was mit der Geburt des Jesus von Nazareth zusammenhängt, ist so gemütlich, wie wir uns das seit unseren eigenen Kindertagen vorstellen. So schön das Erlebnis der Christnacht ist, so viel Segen es auslöst, so schwer ist das Schicksal dieses Kindes, aus dem der Mann von Golga-tha wird. Über seiner Krippe steht bereits das Kreuz. Billiger geht es nicht.

12 In der Offenbarung des Johannes Kapitel 12 gewinnt das Lebenswerk Mariens dann eine geradezu kosmische Dimensionen: Hier spielt sich ein riesiges Drama zwischen gefallenen und guten Engeln ab, die sich bis aufs Blut bekriegen – und die hochschwangere Maria mittendrin. Von satanischen Mächten bedrängt, flieht sie in die Wüste. Unter abenteuerlichen Umständen bringt sie dort ihr Kind zur Welt, den künftigen Heiland und Führer der Menschheit. Ein roter Drache verfolgt Mutter und Kind bis in die letzten Winkel der Einöde. Erbittert leistet sie Wider-stand, kapituliert nicht, niemals. Ihr Einsatz lohnt sich: Zuletzt geht sie als strah-lende Siegerin aus dem Krieg der Sterne hervor, gekrönt zur Himmelskönigin.
13 Bemerkenswert bei diesem Kampf ist:
Mutter Erde kommt der Gottesmutter zu Hilfe. Die Erde verschlingt den Wasserschwall, mit dem der Drache Maria ersäu-fen will. Mensch und Natur, gestärkt durch Gottes Gnade, sind mächtiger als die Kräfte der Finsternis. Maria erscheint hier als ideale Verkörperung der Schöpfung, Partnerin der Natur, Vertreterin der Menschheitsfamilie, leidenschaftliche Strei-terin für das Gute, Mitgestalterin der Weltgeschichte, kämpfende Helferin des göttlichen Lebensgeistes. Und das schönste: Die Menschheit – oder jedenfalls der gläubige Teil davon – wird in diesen atemberaubenden Sog hinein gezogen. Ob der Dichter recht hat, der da spricht: «Das ewig Weibliche zieht uns hinan» ?

14 Eins lernen wir von Maria, und das lassen wir uns von niemand rauben: Wie sie bereit war, Gottes Sohn zu empfangen und in sich zu beherbergen, so nehmen wir Jesus in unser Herz und Leben auf. In diese Sinne sind wir alle Maria. Wir sind bereit zu einer «geistigen Schwangerschaft»: Wie Maria tragen wir den Heiland unter dem Herzen und gewinnen dadurch Anteil an seiner unversiegbaren Kraft.

IV Einwechslung mit Folgen

15 Marias Schwangerschaft mündet aus in die heilige Geburt. Der Schleier wird jetzt weggezogen, der zuvor die klare Sicht nach oben verwehrte. Es ist die hohe Nacht der klaren Sterne. In ihr zeigt sich eine stille Macht. Höheren Orts wird ein Schal-ter umgelegt, heller Jubel erklingt, Engelchöre wünschen das Beste, das man sich irgend wünschen kann: „Gottes Wohlgefallen“ (Lukas 2,14).

16 Nicht immer war die Stimmung so gut. Einst waren wir Gottes Sorgenkinder. Der Abstand war zu gross. Der göttliche Trainer konnte nur vom äussersten Spielfeld-rand ab und zu etwas hineinrufen in das Feld. Und die Mannschaft? Sie hielt sich nicht an die Anweisungen von aussen. Im Spiel ging alles drunter und drüber.

17 Es half alles nichts – der Coach musste sich selbst ins Spiel bringen, musste Teil dieser Mannschaft werden. Deshalb wechselt er sich selber ein – genauer gesagt: seinen Stellvertreter. Sein Sohn wird Mitspieler der menschlichen Gemeinschaft. Seit seiner Einwechslung verkörpert Jesus die leibhaftige Gegenwart Gottes auf dem Spielfeld des menschlichen Lebens.

18 Der neue Mitspieler ist absolut fair zu seinen Mannschaftskollegen. Er fordert die Starken und fördert die weniger Begabten. Er unterstützt den Entfaltungsdrang der Stürmer. Doch auch der Schwächste hat einen Nutzen von der leibhaftigen Gegenwart des göttlichen Spielmachers auf dem Spielfeld des menschlichen Da-seins. Der Spielgestalter macht es vor, geht als Vorbild voran, zeigt mit eigenem Beispiel, wie die Regeln angewandt und umgesetzt werden in einer lebensdienli-chen Weise. So dass wir alle zusammen mit dem mitspielenden Jesus sagen: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich´s sein!“ Das ist das warme, geradezu barock verspielte Licht von Weihnachten, das uns alle erfasst, einschliesslich Jesus.

V Siegesgefühle

19 Freilich: Diese Einwechslung musste gegen Widerstände durchgesetzt werden. Nicht alle Engel wollten diese unbedingte Nähe des Allherrn zu seinen irdischen Geschöpfen mittragen oder ertragen. Aber er wollte es so und setzte seinen Willen durch. In diesem Detail spiegelt sich das Ganze.

20 Das göttliche Triumphgefühl, das in der heiligen Nacht auf Menschen und gute Engel ausstrahlt, hat seinen Grund: Es beruht auf einer gereinigten Atmosphäre. Es beruht darauf, dass Himmel und Erde ineinander übergehen und so ineinander verschränkt werden, dass für gefallene Engel und deren irdische Anhänger bald kein Platz mehr ist, weder auf der Erde noch im Himmel.

21 Kritiker wenden ein: Bedeutet das nicht einen Ausschluss unliebsamer Konkur-renz? Und zwar deshalb, weil Gott nun seinen Statthalter bei uns untergebracht hat? Wie kann man sich über einen solchen Verdrängungswettbewerb überhaupt freuen? Dazu ist zu sagen: Manchmal geht es eben hart zur Sache, und das sogar zwischen Himmel und Erde. Die Übernahme der Welt durch Gottes Sohn hat ganz unterschiedliche emotionale Rückwirkungen – und zwar auf den, der übernimmt, und auf die, die übernommen werden, aber auch auf die Gegenspieler, die bei dieser Übernahme verdrängt werden. Auf der einen Seite erschallt ein Jubelruf, auf der anderen Seite ein Wutgeheul. Alles andere wäre nicht normal.

22 Halten wir fest: Das Erfolgserlebnis, über das sich sehr viele freuen, wird möglich dank einer achtsamen, feinfühligen Begegnung zwischen Gott, Menschen und guten Engeln. Dies ereignet sich in der heiligen Nacht, unter Abwehr und Ausschluss der schlechten und feindlichen Elemente.

23 Dies ist die Nacht eines tief innerlichen Mitgefühls zwischen Gott und seinen Geschöpfen, die bereits auf seiner Seite stehen oder bald auf seine Seite zu stehen kommen. Für sie ist diese Nacht ein Festival der Seligkeiten. Eine mit-reissend mächtige Stimmung bricht sich Bahn, die den ganzen Himmel erfasst, aber auch uns Erdenbürger zu ungeahnten Höhenflügen emporträgt.

 

VI Gemeinsame Begeisterung

24 Ist nun zwischen Himmel und Erde eine Kultur des gegenseitigen Wohlwollens angebrochen? Frei nach dem Motto: ich bin o.k., du bist o.k.? Können wir wirklich sagen, dass Gott „gut drauf“ ist, wenn er an uns Menschen denkt? Dass es ihm rundum gut geht, wenn er sich mit uns befasst?

25 Ich finde ja. Dabei berufe ich mich auf den Engelchor auf Bethlehems Fluren, der Gottes Wohlgefallen besingt, das Himmel und Erde umspannt. Wenn die Engel mit ihrem Lied die Zusammenhänge zutreffend darstellen (wovon ich ausgehe), werden in dieser Nacht unvorstellbar starke Empfindungen freigesetzt, und zwar zwischen Gott, seinen Engeln und uns: Wir alle miteinander, Gott eingeschlossen,
sind in einer richtig tollen Stimmung. Jubelrufe erschallen bis hinauf ins zu den Sternen und erfüllen das All. Wir Menschen und unser Schöpfer sind durch dieses gemeinsame Erlebnis auf das engste miteinander verbunden und verwoben.

26 Und das hat seinen guten Grund. Gottes Sohn wird ja ganz normal hineingeboren in deine und meine Welt. Der kleine Jesus lebt frisch, fromm, fröhlich und frei unter seinen Spielkameraden. Das zu beobachten, übt eine faszinierende und be-ruhigende Wirkung aus. Und zwar nicht nur auf uns, seine Anhänger, sondern auch auf seinen Vater. Gott und wir haben jetzt etwas, worüber wir uns gemein-sam freuen: Jesus. Das verbindet. Seit diesem Fest sind das menschliche und das göttliche Lebensgefühl aufeinander bezogen, ja miteinander verwandt.

VII Grenzüberschreitung

27 In der heiligen Nacht hat sich massiv etwas verändert zwischen Himmel und Erde. Es gibt nun einen Übergang zwischen diesen beiden Bereichen, die zuvor getrennt waren. Gott wird Mensch, damit wir Gott ähnlich werden. Gott ist nun Teil unse-rer Menschenwelt und wir sind Teil der göttlichen Lebenswelt. Das Paradies ist in greifbare Nähe gerückt. So sagt es der heilige Athanasius im vierten Jahrhundert.

28 Was das im Kern bedeutet, kann nur ermessen, der zuvor die Schmach erleiden musste, ausgestossen zu sein von der Quelle des Lebens. Welch eine Wende durch Gottes Fügung ist nun eingetreten! Der Weg zum Herzen des Vaters ist frei. Die Grenzen zwischen Himmel und Erde sind durchlässig. Das bedeutet eine riesi-ge Aufwertung für uns. Das menschliche Geschlecht hat bei Gott nun einen be-sonderen Stellenwert. Im Schlusschoral des Weihnachtsoratoriums wird das ergreifend besungen. Und Gott hat bei uns einen noch höheren Stellenwert gewonnen. Er ist für uns der Höchste und Beste überhaupt.

29 Das ist der der Übergang vom moralischen zum ganzheitlichen Denken. Hier zeigt sich der Wechsel vom alten zum neuen Testament: Ausgehend von der Gesetzes-religion einer erwählten Gruppe, gelingt nun der Aufbau einer Glaubensgemein-schaft, die auf Liebe gegründet ist, ohne die Ehrfurcht vor Gott zu vernachlässi-gen. Diese Gemeinschaft steht allen Völkern offen. Alle glaubenden Menschen haben gleichermaßen Anteil an den Gütern des Heils. Sie werden zu gleichberech-tigten Söhnen und Töchtern Gottes, wobei Jesus ihr älterer Bruder und Herr ist.

30 Welch ein Glück ist für uns, dass wir den in unseren Reihen wissen, der im Stall geboren ist und das Weltall in seinen Händen hält. Was für einen Triumph be-deutet das für die Menschheit insgesamt! Der Gesang der Engel auf Bethlehems Fluren fasst die ganze Weltgeschichte zusammen, die zu einem siegreichen und glücklichen Ziel geführt wird: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“

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