Andacht für den letzten Sonntag im März 2020

Die Natur erholt sich und wir Menschen ebenso. Es ist eine stille Zeit überall. Nur die Vögel singen ihr fröhliches Lied. Eine seltsame Stimmung greift um sich. Menschenleere Strassen und Plätze allerorten. Begegnen wir uns zufällig unterwegs, halten wir Abstand und grüssen uns freundlich, aber von weitem.

Einige von uns leiden sehr stark unter diesem erzwungenen Abstand. Ältere Mitbürger in den Heimen dürfen nicht besucht werden, nicht einmal von den nächsten Angehörigen.

Umso mehr verlegen wir uns aufs Telefonieren. Und das Internet? Es scheint überlastet zu sein. Und zwar warum? Antwort: Wegen der vielen Konferenzen und Sitzungen, die jetzt nur noch im Netz stattfinden. Und die Gottesdienste im Fernsehen? Sie haben jetzt bestimmt noch mehr Zuschauer, als sie ohnehin schon haben.

Wir von der evangelischen Kirchgemeinde Diessenhofen und ich als Ihr Pfarrer grüssen Sie und Euch von Herzen in dieser schwierigen Zeit, die wir jetzt durchstehen müssen – jeder für sich allein. Denken wir an Jesus Christus, der ebenfalls Zeiten der Einsamkeit durchmachen musste. Da war er überhaupt nicht auf Rosen gebettet. Da musste er durchs Tal der Tränen. Und am Ende? Da wartete das Kreuz auf ihn.

Und doch verläuft sein bitterer Weg nicht ohne Hoffnung. Was ist der Grund seiner Zuversicht? Er vertraut respekt­voll seinem Vater. Klingt das nicht altertümlich? Ich finde nicht, im Gegenteil: Jesus hat sich in der Krise vorbildlich verhalten. Er geht mit gutem Beispiel voran. Im Brief an die Hebräer Kapitel 5, Vers 7-9 wird das so zur Sprache gebracht:

„Solange Jesus hier auf der Erde lebte, hat er mit lautem Schreien und unter Tränen seine Gebete und Bitten an den einen gerichtet, der ihn aus dem Tod befreien konnte. Und weil er grosse Ehrfurcht hatte vor Gott, wurde er erhört.  Obwohl Jesus der Sohn Gottes war, lernte er doch durch sein Leiden, gehorsam zu sein. Auf diese Weise machte Gott ihn vollkommen, und er wurde der Retter für alle, die ihm gehorchen.“

Ich versuche, diese Verse für unser Leben zu deuten, und bitte Sie noch um etwas Geduld beim Lesen. Vielleicht ist ja gerade für Sie ein hilfreicher Gedanke dabei?

Mir ist folgender Gedanke eindrücklich: Im Leben von Jesus Christus spiegelt sich gleichsam das Schicksal der ganzen Menschheit. Jede Träne, die auf Erden geweint wird, hat auch er geweint. Alle Schmerzen, die auf Erden gelitten wurden und werden, hat auch er durch­ge­macht. Jede Form der Einsamkeit, die uns im Städtli erfasst, hat Jesus ebenfalls getroffen. In allen Notlagen, die uns umtreiben, ist er auf geheimnisvolle Weise hineinverwickelt.

Deshalb versteht er uns gut. Sehr gut sogar. Ich glaube sagen zu können: Er versteht uns besser, als wir uns selbst verstehen. Unsere Fragen sind seine Fragen. Unsere Prüfungen sind seine Prüfungen. Unsere Krankheiten sind seine Krankheiten. Unsere Katastrophen sind seine Katastrophen. Wie er durch tiefe Täler marschieren musste, und wie er im festen Glauben an Gott wieder aus der Krise herausgefunden hat, so gibt er auch uns begründete Hoffnung. Wichtig ist: Dass wir auf unserem Weg durch unsere tiefen Täler eines nicht vergessen: Den Glauben an Gott und an Jesus.

Darf ich einen Rat geben? Schlagen wir in diesen ruhigen Tagen einmal das Gesangbuch auf. Da stehen viele Lieder, die uns innerlich aufrichten und aufbauen. Zum Beispiel das Lied 680:

„Befiehl du deine Wege und, was dein Herze kränkt, der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn – der wird auch Wege, da dein Fuss gehen kann.“

Oder das Lied 681 gleich daneben:

„Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn allezeit, den wird er wunderbar erhalten in aller Not und Traurigkeit. Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut, der hat auf keinen Sand gebaut.“

Sind Sie im ab und zu im Internet unterwegs? Dann tippen Sie doch mal diese Lieder unter Google ein und erleben Sie berühmte Chöre, die diese Lieder singen. Wie ich Ihnen über­haupt empfehle jetzt in diesen Tagen: Hören Sie im Internet oder Radio gute Lieder und Musik. Das bringt Sie auf bessere Gedanken, wenn Sie missmutig sind und Trübsal blasen. Durch die musikalischen Klänge, die gleichsam von oben in unsere kleine Welt erschallen, geraten Sie unversehens auf eine bessere Spur.

Übrigens: Was passiert, wenn Kinder schaukeln? Unten auf dem Tiefpunkt angekommen, bekommen sie plötzlich ganz viel Schwung. Und genauso kraftvoll geht es nach oben. Ist das nicht ein Bild für unsere jetzige Lage? Wir schaukeln von der Höhe in die Tiefe – und wieder hinauf. Es gibt keinen Stillstand, auch nicht in den Tagen der sozialen Distanz, die durch das Virus erzwungen wird. Es geht trotzdem weiter. Es geht letztlich aufwärts. Und das ist gut so.

„Herr Jesus Christus! Du hast einiges mitgemacht im Leben. Ja sogar unsere dunkelsten Täler hast du durchschritten. Steh uns in diesen schweren Zeiten spürbar zur Seite! Hoffentlich merken wir deine Nähe. Hoffentlich fühlen wir deine aufmunternden Signale. Du hast den Durchbruch geschafft durch das Tal der Tränen. Du darfst jetzt ein besseres Leben geniessen mit deinem Vater. Dasselbe wünschen wir uns. Segne uns auf dem Weg durch die Krise. Schenke uns Geduld, dass wir das Beste daraus machen – mit deiner Hilfe, Amen.“

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